Allein die Marmorsteinbrüche von Carrara sind ein Erlebnis. Weiß wie Schnee ragen die Marmorberge bis in den blauen Himmel. Straßen gibt es in diesem Gebirge nicht. Die Serpentinenwege sind weiß mit Marmorstaub bedeckt. Tonnenschwere Blöcke werden mit LKWs die schmalen Wege zum Hafen hinuntergefahren. Leere LKWs fuhren wieder herauf.

Bernd mit seinem Geländewagen und dem Anhänger, der anderthalb Tonnen laden konnte, mittendrin.

„Hoffentlich gibt es keinen Regen. Schau, dahinten die Wolken sehen verdächtig aus.“ Er zeigte in die Richtung der Wolken. „Wenn es regnet werden die Wege glitschig. Bei den Kurven und mit vollem Anhänger ist das gefährlich.“

„Dann bleiben wir oben im Berg.“ Marlies blieb gelassen.

Sie hatten ihr Dachzelt auf dem Auto. Das würden sie aufschlagen und darin übernachten. Das Dachzelt. Es war ihr treuer Begleiter seit Jahrzehnten. Ursprünglich war es für Markus gekauft worden, als er elf Jahre alt war. Bis dahin hatten sie ein Hängebett für ihn, das über Fahrer- und Beifahrersitz im VW-Bus eingehangen wurde. Als Markus nicht mehr mitreiste, kam das Zelt auf den Geländewagen, den sie sich zwischenzeitlich, hauptsächlich wegen ihren Afrika-Reisen, angeschafft hatten.

Geländewagen und Dachzelt sind für Afrika genial.

Marlies hing ihren Gedanken nach, als sie in die weißen Marmorberge fuhren.

Vier Kontinente hatten sie schon bereist. Europa, Vorderasien, Afrika und zuletzt Australien.

Afrika war ihr Lieblingskontinent. Immer wieder zog es sie dorthin.

Nicht umsonst hieß es, wer einmal vom Afrika-Virus infiziert ist, der behält ihn ein Leben lang.

Sie musste niesen und kramte ihre dunkelste Sonnenbrille hervor. Es war dermaßen grell in dem sonnenbeschienenen Marmor, dass man regelrecht geblendet wurde. Es schimmerte, glitzerte und strahlte von allen Seiten. Ein Wunder der Natur.

 

Bernd stellte das Auto auf einer Ausweichstelle ab. Sie stiegen aus. Faszinierend war der Ausblick. Überall lagen Marmorbrocken. Feine graue Adern durchzogen den Stein.

„Wir könnten hier schon Steine einladen.“

„Jetzt sei nicht so ungeduldig. Du möchtest doch große Steine. Die könnten wir gar nicht heben. Gleich sind wir oben und im Nullkommanix wird der Anhänger voll sein.“

Bernd war immer so pragmatisch.

Gerade, als sie wieder einsteigen wollten, donnerte ein LKW an ihnen vorbei. Er transportierte einen einzigen Marmorblock. ‚Der ist bestimmt drei mal drei Meter und zehn Meter lang.’ Marlies dachte kurz an die alten Ägypter, Griechen und Römer. ‚Wie hatten die solche Blöcke transportiert?’ Sie würde es nachlesen. Doch diese Gedanken wollte sie jetzt nicht vertiefen.

Sie fuhren weiter bergauf. Schmale Wege, scharfe Kurven, alles weiß. In ziemlich regelmäßigen Abständen gab es Ausweichstellen. Die mussten immer angefahren werden, wenn ein LKW entgegen kam.

„Bergab hat Vorfahrt“, klärte Bernd sie auf.

‚Junge, junge der weiß aber auch alles’, dachte Marlies.

Plötzlich war der Weg zu Ende. Sie hatten ein Plateau erreicht. Die Luft war vernebelt von weißem Staub.