ENKEL @ OMA

 

Teil II

 

Margret Limbach

 

Geschichten

Kunstprojekte

Rezepte

  

 

Die Freude

Die Identität

Die Liebe

Die Wirklichkeit

 

 

 Inhaltsverzeichnis

 

 Geschichten:                                                  

 

Klingelmännchen                                             

Der Haarschnitt                                                

Strumpfhose                                                                     

Portemonnaie am Bindfaden                                                

Der Wassermann                                            

  

Tipps: 

 Kalorien                                                                                                                   

 

Kunstwerke:

Das gelbe Bild                                                         

Künstlerische Arbeiten in Ton                                                                                 

 

Rezepte:

Nussecken                                                                         

Apfelpfannkuchen mit Zucker und Zimt                                 

Ringelblumensalbe                                                            

Blätterteig - Kaffeeteilchen                                           

Spinatkuchen                                                                    

Quark-Mascarpone-Crème mit Kirschen und Mandelkrokant

 

1.

 

„Oma, Oma, Oma“, skandierten Marlies’ Enkel.

Die konnte sich vor Lachen kaum noch halten. Seilchen springen war angesagt. Oma hatte vor den Kindern geprahlt. Einhundert mal würde sie es schaffen. Doch nun war sie nur bis vierzig gekommen und musste vor Lachen aufhören.

 

„Wie viele hast du geschafft?“

 

„Warum lachst du denn so?“

 

„Kannst du nicht mehr?“

 

Die Kids überhäuften sie mit Fragen.

 

„Vierzig habe ich geschafft und eigentlich könnte ich noch mehr. Aber ihr feuert mich an, als wäre ich der Superstar. Und deshalb musste ich so lachen und konnte nicht mehr weiter springen. Und das Sportabzeichen werde ich auch nicht schaffen.“

 

„Doch, das schaffst du. Du musst nur noch etwas trainieren.“ Maju, der schon sein zweites Sportabzeichen machte, sah Oma mit einem Blick an, der keinen Widerspruch duldete.

 

„Genau! Zu uns sagst du doch auch immer: ihr müsst nur wollen, dann klappt alles“, schloss sich Cama den Ausführungen ihres Bruders an.

 

„Oma, ich helfe dir“, sagte Mani, der Kleinste, mit Überzeugung.

 

„Danke, mein süßer Muckel. Das ist lieb von Dir.“ Oma streichelte Mani liebevoll über seine blonden Haare.

 

Cama hatte sich das Seilchen genommen und hüpfte mal mit dem rechten und mal mit dem linken Bein, gerade wie es ihr gefiel.

 

Marlies staunte: „Ich wusste ja gar nicht, dass du das so gut kannst.“

 

„Der Sascha hat mir einen Trick verraten. Den habe ich verstanden. Und jetzt kann ich es“, sagte Cama.

 

Sie gab das Seil weiter an Maju.

 

„Und wie geht der Trick?“, wollte der wissen.

„Man muss im richtigen Moment hochspringen. Wie beim Schaukeln. Da muss man auch im richtigen Moment Schwung nehmen. Und wenn man das mit zwei Beinen schafft, geht es auch mit einem.“

 

Sie nahm das Seil noch mal an sich und demonstrierte ihr Geschick.

 

„Und die Arme dürfen nicht so weit nach oben schwingen, sonst wird das Seil unten zu lang und man verheddert sich. Wenn man alles richtig macht, geht es wie von selbst.

 

Sie führte ‚richtig’ und ‚falsch’ vor. Ihre Brüder und Oma schauten bewundernd zu. Grazil bewegte sie sich in dem Seil.

 

„Jetzt du.“

 

Sie gab das Seil wieder an Maju. Der, nicht dumm, hüpfte zunächst zehn mal mit beiden Beinen, hob dann das linke an und schaffte es drei mal auf dem rechten, ehe das Seil zwischen seinen Beinen hängen blieb. Er gab jedoch nicht auf. Versuchte es wieder. Diesmal gelang es ihm öfter. Dann probierte er einbeinig mit links. Zweimal klappte es. Geduldig begann er von vorne. Cama gab Anweisungen. Maju befolgte sie. Und plötzlich hatte er die Technik heraus. Er hüpfte erfolgreich abwechselnd vom rechten auf das linke Bein, ohne dass das Seil hängen blieb.

 

„Ihr könnt auch zu zweit mit einem Seilchen springen. Das ist allerdings schwierig. Versucht es doch mal.“

Oma sah Mani an. “Komm, wir zwei setzen uns als Zuschauer auf die Bank:“

 

„Au ja, wir klatschen auch, wenn ihr das gut macht.“ Mani nickte bestätigend seinen Geschwistern zu.

Die beratschlagten bereits, wie sie gemeinsames Seilchen springen verwirklichen sollten.

 

„Wir probieren zuerst mal hinter dem Gartenhäuschen. Da sieht uns keiner.“ Cama nahm Maju an die Hand. Beide verschwanden aus dem Sichtfeld ihrer Zuschauer.

 

Marlies und Mani setzten sich auf die Bank vor dem Gartenhaus, hinter das Cama und Maju zum Üben gegangen waren.

 

Bernd, Marlies’ Ehemann seit 41 Jahren, hatte die Bank selbst gebaut. Dicke Äste eines im Garten gefällten Baumes verwendete er dafür. Rückenlehne und Sitzfläche waren ergonomisch perfekt auskonstruiert.

Leuchtend gelb-weiß-gestreifte Sitzkissen luden zum Verweilen ein. Das Gartenhaus hatte ein Vordach, das jetzt im Sommer Schatten spendete. Aber auch bei leichtem Regen konnte man sich hier aufhalten.

 

Mani kuschelte sich auf der Bank gemütlich an Marlies. „Erzähl mir eine Geschichte, bis die anderen zurück kommen“, bettelte er.

 

Klingelmännchen

 

„Als ich fünf Jahre war“, begann Oma mit der Geschichte, „so alt wie du jetzt, spielten wir gerne Klingelmännchen. Kennst du das?“

„Nein, was ist das denn?“ Mani schaute erwartungsvoll zu seiner Oma.

„Man klingelt an Haustüren, versteckt sich, wartet bis jemand an die Türe kommt und lacht sich kaputt. Allerdings muss man beim Lachen ganz leise sein, damit man nicht erwischt wird.“

„Seid ihr erwischt worden?“

„Meistens nicht, aber manchmal doch.“

„Erzähl“, forderte Mani.

„Monika und ich hatten uns vorgenommen, Klingelmännchen bei Herrn Schmitz zu machen. Wir hatten immer etwas Schiss vor dem Mann, weil er grimmig guckte. Außerdem jagte er alle Kinder weg, wenn sie seinem Haus zu nahe kamen und schimpfte hinter ihnen her. Dabei fuchtelte er furchterregend mit seinen Armen.“

 

Hinter dem Gartenhaus ging es laut her. Cama und Maju fluchten, lachten und schimpften.

„Anscheinend ist Seilchen springen zu Zweit doch nicht so einfach“, sagte Oma lachend zu Mani.

 

„Erzähl bitte weiter“, bat er. Seine Geschwister interessierten ihn im Moment überhaupt nicht.

 

„An dem Tag wussten wir, dass Herr Schmitz zu Hause war. Wir hatten nämlich auf der Straße gespielt und sein Haus nicht aus den Augen gelassen.

Anschleichen mussten wir uns. Das war klar. Das Problem war allerdings der Vorgarten. Durch den mussten wir ungesehen bis zur Haustür gelangen. Und natürlich nach dem Klingeln wieder zurück laufen. Verstecken wollten wir uns hinter einer Hecke, die den Vorgarten eingrenzte.

Wir waren sehr aufgeregt. So was Spannendes hatten wir noch nicht gemacht.

Was, wenn er uns erwischen würde? Das durfte einfach nicht passieren.

Wir beratschlagten noch einmal, wie das Ganze ablaufen sollte.

Dann ging es los.

Geduckt an der Hauswand vorbeischleichend, bogen wir um die Ecke zum Eingang.

Keiner sprach oder flüsterte ein Wort. Noch ein paar Treppenstufen. Da war die Klingel. Mutig drückte jeder von uns ein Mal. Im Weglaufen hörten wir noch, wie Herr Schmitz polternd die Treppe herunter kam.

Schnell hinter die Hecke und beobachten, was nun passieren würde.

Die Haustür öffnete sich. Herr Schmitz erschien, schaute verduzt, ging die Stufen hinunter, blickte nach allen Seiten. Niemand zu sehen.

Uns schlug das Herz bis zum Haus, aber wir waren muksmäuschenstill.

Vor sich hin brummend ging Herr Schmitz wieder in sein Haus.

Wir verließen unser Versteck erst, als sicher war, dass er nicht noch einmal raus kommen würde. Dann flitzten wir lachend um die Straßenecke und freuten uns riesig darüber, dass wir Herrn Schmitz ausgetrickst hatten.

‚Ich hätte bald vor Angst in die Hose gemacht’, sagte Monika zu mir. ‚Ich auch’, antwortete ich.

Auch bei so viel Angst, waren wir beide stolz auf unser gelungenes Klingelmännchen.

 

„Huh, das war aber spannend. Zum Glück hat euch Herr Schmitz nicht erwischt. Vielleicht hätte er euch in den Keller gesperrt oder auf den Speicher und keiner hätte etwas gewusst.“ Nachdenklich schaute Mani seine Oma an.

„Vielleicht“, sagte diese und gab ihrem Enkel einen Kuss.

Der rutschte von der Bank und lief hinter das Gartenhaus.

 

„Oma hat mir die Geschichte vom Klingelmännchen erzählt“, rief er den Anderen zu.

„Klingelmännchen? Was ist das? Kenne ich nicht. Ich auch nicht“, antworteten Cama und Maju durcheinander.

Mani schaute von Einem zum Anderen.

„Ich aber“, sagte er stolz.

 

Marlies hatte sich zu den Kindern gesellt. „Irgendwann erzähle ich euch die Geschichte auch mal oder noch besser, Mani kann sie euch bestimmt erzählen. Aber was ist denn mit euerem Springseilchen-Duo? Klappt es?“

„Noch nicht so richtig. Das Seil bleibt immer hängen“, sagte Maju.

Drei Mal hinter einander haben wir es schon geschafft. Aber wir müssen noch weiter üben“, fügte Cama hinzu.

 

„Komm, Mani, wir gehen in der Zwischenzeit Blumen pflücken.“ Oma nahm ihren Enkel an die Hand. Gemeinsam gingen sie zur Blumenwiese.

 

Im Frühling hatte Bernd seitlich vom großen Teich, auf leicht geneigtem Terrain, eine große Fläche Boden so bearbeitet, dass der Sommerblumensamen eingebracht werden konnte. Es dauerte gar nicht so lange, ehe die ersten Blumen vorsichtig ihre Knospen aus der Erde gucken ließen.

 

Jetzt blühten viele Arten von Blumen in allen erdenklichen Farben und leuchteten bunt in der Sonne.

Die Malerin in Marlies war fasziniert von der Farbenvielfalt, und vor allem den Nuancen innerhalb einer Farbe. Gelb dominierte. Von weißlichgelb über leuchtend- und zitronengelb bis gelborange.

‚So viele Gelb-Töne, die müsste man malen’, dachte sie.

Natürlich gab es Genau so rote, und blaue Blumen in allen Farbabstufungen.

 

„Was hältst du davon, ein Bild nur in gelben Farben zu malen?“ Marlies sah Mani fragend an.

Die beiden waren bei der Blumenwiese angekommen.

„Wie denn, nur in gelben Farben?“, fragte Mani zurück.

„Na guck mal hier. In der Wiese sind doch so viele gelbe Blumen. Und jede hat ein anderes Gelb. Siehst du das?“

„Ja, die da ist fast weiß und daneben die ganz gelb und dahinten die noch anders.“ Mani blickte um sich und entdeckte weitere Gelb Töne.

„Weißt du was? Wir könnten zwölf verschiedene gelbe Blumen pflücken. Kannst du schon bis zwölf zählen?“

„Nein“, kam die bestimmte Antwort.

„Ich helfe dir. Wie viele Finger hast du an einer Hand?“

Der fünfjährige Mani betrachtete seine Hand und zählte.

„Fünf“, kam die Antwort.

„Richtig. Und an der anderen Hand?“

Während er die eine Hand mit ihren fünf Fingern in die Luft hielt, schaute er auf die andere. „Auch fünf“, stellte er konzentriert fest.

„Genau. Du kannst doch schon bis zehn zählen.“

„Ja klar.“

„Dann zähl jetzt mal alle deine Finger.“

Mani zählte.

„Neun“, sagte er.

„Das ist nicht ganz richtig. Zähl noch mal. Am besten machst du mit jeder Hand eine Faust und holst beim Zählen immer einen Finger hervor. Guck mal, so.“ Oma zeigte Mani, wie das ging.

„Komm, wir machen beide Fäuste und zählen gemeinsam.“

Sie setzten sich ins Gras, neben die Blumenwiese und los ging es.

„Eins“, zählte Mani und streckte den Daumen in die Höhe.

Marlies tat es ihm gleich.

„Zwei“, der Zeigefinger, „drei“, der Mittelfinger. Mani zählte weiter bis nur noch ein kleiner Finger eine Restfaust bildete.

„Zehn“, sagte er stolz, als dieser letzte Finger nach oben kam.

„Genau. Jetzt tue ich noch zwei Finger dazu und du zählst weiter. Kannst du das?“

„Ich kann bis zwanzig“, antwortete er empört.

„Okay, wie viele Finger hast du?“

„Zehn“.

„Plus eins ist?“ Oma hielt ihren Daumen an seine Hand.

Er überlegte kurz. „Elf“.

„Gut. Plus eins ist wie viel?“ Omas Zeigefinger gesellte sich zu ihrem Daumen.

„Zwölf“, stellte Mani fest.

„Das ist sehr gut“.

„Justus sagt, sehr gut ist eine Eins in der Schule.“

„Das stimmt. Du hast jetzt eine Eins im Zählen.“

„Ehrlich?“

„Ehrlich!“

Am liebsten wäre er zu seinen Geschwistern gelaufen und hätte ihnen stolz von seiner Eins erzählt. Aber Marlies ließ nicht locker.

„Pass auf. Du weißt jetzt wie viel 12 Finger sind.“

„Ja, zehn von mir und zwei von dir.“

Dann wollen wir mal zwölf gelbe Blumen pflücken. Aber Achtung. Nicht die Blumen zertreten. Wir gehen auf Zehenspitzen und versuchen, unsere Füße zwischen die Stängel zu setzen, damit wir keine Blume zerstören. Du pflückst fünf und ich sieben. Immer andere. Nicht die gleichen. Jede soll ja ein anderes Gelb haben. Und immer schön unten die Stängel abbrechen, nicht nur die Blüten.“

Die beiden staksten vorsichtig durch die Blumenwiese.

„Fertig“, rief Mani. „Ich habe fünf“.

„Ich bin auch fertig. Schau, ich habe sieben.“ Marlies legte ihre Blumen einzeln, nacheinander ins Gras und zählte dabei bis sieben. Mani machte es ihr nach und zählte bis fünf.

„Jetzt zähle ich alle zusammen. Das sind zwölf“, stellte er fest.

„Sehr gut“, sagte Oma und gab ihm einen Kuss.

„Habe ich wieder eine Eins?“

„Ja, natürlich“.

„Dann bekommt man ein gutes Zeugnis hat Justus gesagt.“ Bestätigung fordernd schaute er Oma an.

„So ist es.“ Bald gibt es ja Zeugnisse. Dann werden wir sehen, ob Maju auch gute Noten im Zeugnis hat.“

„Oma, guck mal, unsere Blumen sind alle anders. Schön sieht das aus.“ Mani nahm vorsichtig Eine nach der Anderen in seine Hand und betrachtete sie eingehend.

„Und wenn du richtig hinschaust, siehst du, dass jede Blüte auch noch andere Blätter hat.“ Oma zeigte auf die unterschiedlichen Blütenblätter.

„Jede Blume hat natürlich auch einen anderen Namen, aber leider kenne ich die auch nicht alle.“

„Die hier heißt Ringelblume. Das weiß ich, weil Oma Betti davon Salbe gemacht hat“, stellte Mani fachkundig fest und zeigte Marlies diese Blume.

„Oma Betti hat von Onkel Alwis ganz viele Ringelblumen bekommen, damit sie Salbe machen kann. Sie will dir auch ein Töpfchen schenken.“

„Das ist aber lieb von Oma Betti. Komm wir gehen jetzt zu den beiden Anderen und zeigen ihnen unsere schönen Blumen.“

 

Cama und Maju waren immer noch mit Seilchen springen beschäftigt.

 

„Guck, Oma, wir können es jetzt zu zweit. Das ist gar nicht so schwer.“

Cama forderte ihren großen Bruder auf, sich hinter sie zu stellen. Der musste auch das Seil schwingen, weil er der Größere war. Er zählte bis drei. Dann ging es los. Und es klappte. Gleichzeitig hüpften sie im richtigen Moment hoch. Das Seil schwang zwischen Erde und vier Füßen nach oben, beide machten einen Zwischenhüpfer und sprangen, als es unten war, im selben Moment wieder drüber.

Marlies und Mani schauten fasziniert zu.

„Wenn ich größer bin, will ich das auch können“, sagte er.

Cama wollte etwas zu ihrem kleinen Bruder sagen und prompt verhedderte sich das Seil.

„Kommt mal her“. Oma forderte ihre Enkel auf, ihr zu folgen. Sie ging voran und setzte sich auf die Bank vor dem Gartenhaus. „Schaut hier, Mani und ich haben Blumen gepflückt“.

„Nur gelbe. Und jede ist anders Gelb. Guckt“. Mani hielt seinen Geschwistern den Strauß mit Blumen in den unterschiedlichsten Gelbfärbungen hin. „Und wisst ihr, was wir machen? Ein Bild nur mit gelb“. Er beantwortete so begeistert seine eigene Frage, dass Maju und Cama fragend und leicht irritiert ihre Oma anguckten. Die lächelte, Mani bestätigend, die beiden geheimnisvoll an.

„Ja, ihr werdet euch wundern. Wir malen keine Blumen oder Gegenstände. Das wäre zu einfach. Wir bemalen eine Leinwand nur mit gelben Farben. Mani, wie viele Blumen haben wir mitgebracht?“

„Zwölf“, antwortete er.

„Wie viele bekommt jeder?“

Er überlegte kurz: „Drei“.

„Richtig. Gib jedem mal drei Stück“.

Er ging zu seiner Schwester. „Du darfst dir drei aussuchen“.

Cama betrachtete die Blumen. Sie wählte zuerst eine leuchtend gelbe, dann eine fast weiße, die nur einen Hauch gelb schimmerte und zum Schluss eine Honig gelbe. Sie brauchte lange, bis sie ihre Entscheidungen getroffen hatte. Immer wieder nahm sie eine Blume, betrachtete ihr Aussehen und steckte sie zurück in Manis Hand. Ihr Brüder warteten geduldig.

Dann war Maju dran. Nicht so wählerisch, nahm er sich entschlossen drei Blumen.

Mani schaute seinen Reststrauß an. „Jetzt habe ich noch sechs“, stellte er fest.

„Ibbe, dibbe dab und du bist ab“, zählte er zwischen sich und Oma ab.

„Ich bin dran“, stellte der kleine Kavalier freudestrahlend fest.

Während der Aussuchaktion seiner Geschwister hatte er überlegt, wie er am besten als Nächster dran kommen könnte, ohne seiner Oma weh zu tun. Mit dem Abzählreim war ihm eine faire Lösung eingefallen.

Auch er hatte sich schnell für drei Blumen entschieden.

„Die sind für dich“. Er gab die letzten drei an Marlies.

 

„So, Oma, jetzt verrat uns endlich, wie das mit dem Bild gehen soll“, verlangte Cama.

„Also, passt auf. Jeder hat jetzt drei verschiedene Blumen in dreierlei Gelb Tönen. Wir werden eine Leinwand in vier Vierecke aufteilen. Jeder von uns ist für ein Viereck zuständig. Durch Mischen von Farben werden wir versuchen, das jeweilige Gelb der einzelnen Blumen hinzukriegen und willkürlich mit dem Pinsel auf die Leinwand malen. Habt ihr das verstanden?“

Die Kids schauten sich gegenseitig fragend an.

„Wie denn malen?“ „

„Was denn malen?“

„Wie denn mischen?“

Sie begannen untereinander eine Diskussion. Viele Fragen gab es noch zu klären, stellte Marlies fest. Sie schaute auf die Uhr. „Wisst ihr was, Kinder? Wir decken jetzt zuerst mal hier im Garten den Kaffeetisch. Gleich kommen Opa, Tossi und Heidi. Es gibt Nussecken. Kommt mit in die Küche. Geschirr holen. Beim Kaffeetrinken reden wir dann weiter über das Bild“.

 

Marlies ging gerade die Stufen hoch, die zum Wintergarten führen, als Tossi angeflitzt kam. Die sechsjährige Schäferhündin war mit den Kindern groß geworden. Jedes Mal gab es ein herrliches Freudentheater, wenn der Hund die Kinder sah. Das konnte sogar mehrmals täglich sein. So auch jetzt. Marlies blieb stehen und betrachtete das Schauspiel. Maju, Cama und Mani standen noch in einer Gruppe zusammen. Tossi lief mit Freudengejaule auf sie zu, umrundete die Drei, sprang lustvoll in die Höhe, sputete los, um mehrere Runden in vollem Tempo um den Pavillon zu drehen.

„Tossi, Leckerchen“, rief Mani, kramte in seinen Hosentaschen, holte etwas undefinierbares heraus und hielt es mit der einen Hand hoch. Mit der anderen Hand streckte er den Zeigefinger in die Höhe. Tossi scherte von ihrem Rundlauf aus und flitzte mit voller Geschwindigkeit auf Mani zu, so dass man denken konnte, sie würde ihn umrennen. Kurz vor ihm bremste sie abrupt ab und machte „sitz“. Das lag an dem erhobenen Zeigefinger, der Befehl für „sitz“ war. Mani gab dem Hund das Leckerchen und streichelte seinen Kopf. Gleichzeitig wurde Tossi von den anderen Beiden rechts und links getätschelt und liebevoll angesprochen.

Durch Oma ging ein Glücksgefühl, wenn sie solche Szenen beobachtete.

So, jetzt kommt. Tossi du auch“.

Die Hündin lief bereits durch den Wintergarten in die Küche voraus. Sie wusste bestimmt Genau, dass es jetzt Kuchen geben würde. Irgendwie wusste sie immer alles ganz Genau.

 

„Oma, wie macht man denn Nussecken?“, fragte Cama.

„Du willst immer wissen, wie alles gemacht wird“, sagte Maju, der Leckerschmecker, vorwurfsvoll zu seiner Schwester. „Ich will das jetzt nicht wissen, ich möchte die lieber essen.

„Wenn dir etwas schmeckt, willst du doch auch immer wissen, wie es gemacht wird, oder woraus es ist“. Cama schaute ihren Bruder mit blitzenden Augen an.

„Ja, das stimmt, sonst will ich das auch, aber jetzt habe ich Hunger“, sagte Maju mit einer Bestimmtheit, die keine Diskussion zuließ.

„Ich habe ein Rezept, das zeige ich dir gleich, wenn die Jungen das Geschirr in den Garten bringen und den Tisch decken“.

„Immer wir“, moserte Mani, half aber seinem Bruder widerstandslos, Tassen und Teller in einen Korb zu sortieren.

 

Marlies befüllte noch schnell die Kaffeemaschine, stellte sie an und holte das Rezept aus dem Rezept-Ordner, der in ihrer Küchenbibliothek stand. Cama hatte in der Zwischenzeit die Nussecken auf einem Teller angeordnet.

Da sie als Zweitklässlerin schon sehr gut lesen konnte, nahm die das Rezept, setzte sich an den Küchentisch und las laut vor:

 

 

Nussecken

(Menge für Backblech. Für Springform, von Allem die Hälfte)

 

Für den Teig:

 

1 Ei

400 gr. Mehl

1 Messerspitze Backpulver

200 gr. Zucker

1 Vanillezucker

½ Vanille-Kochpudding

200 gr. Weiche Butter

1 Prise Salz

 

 

Für den Belag:

 

50 gr. Butter

100 gr. Zucker

400 gr. Gemahlene Haselnüsse

etwas Kondensmilch

Schokoladen-Kuvertüre

 

Ei, Zucker, Vanillezucker schaumig rühren,

nach und nach Butter dazu,

dann Vanillepudding, Salz, Mehl Backpulver.

Alles gut kneten und zu einer Kugel formen.

 

Abgedeckt fünfzehn Minuten ruhen lassen.

 

Teigkugel auf Backblech ausrollen.

 

Für den Belag die Butter in einer Pfanne schmelzen lassen, Zucker unterrühren, bis er leicht karamellisiert ist.

Haselnüsse unter ständigem Rühren dazu tun.

Mit Kondensmilch zu einer homogenen Masse verarbeiten.

Nussmasse auf Teig streichen.

 

Im vorgeheizten Backofen, 3. Schiene von unten, bei

200 Grad 20 – 30 Minuten backen. Eventuell nach 15 Minuten mit Alufolie abdecken.

 

Noch heiß auf Beckbleche in Vierecke schneiden und auf einem Kuchengitter abkühlen lassen.

Dann jedes Stück an allen vier Ecken mit Schokoladen-Kuvertüre bestreichen.

 

„Das ist aber viel Arbeit“, kommentierte Cama das Rezept.

„Ja, das stimmt, aber dafür schmecken die Nussecken auch ganz besonders lecker.“

Oma goss den mittlerweile fertigen und gut duftenden Kaffee in eine Warmhaltekanne.

„Kommt, wir bringen alles in den Garten. Euere Mama ist auch schon da.“

„Wieso weißt du das?“

„Wegen Tossi. Die hat doch Heidi mit Gejaule begrüßt.“

„Hab’ ich gar nicht mitgekriegt.“

„Weil du sehr konzentriert das Rezept gelesen hast.“

 

Die Beiden gingen zu den Anderen in den Garten. Cama balancierte das Gebäck auf einem Teller.

„Geh weg“, rief sie Tossi zu, die wieder freudig, schwanzwedelnd angelaufen kam.

Die Hündin schnupperte kurz Richtung Kuchenteller und ging voraus zum gedeckten Kaffeetisch, den Bernd unter die große Eiche gestellt hatte. Hier war jetzt im Sommer luftiger Schatten. Ein schöner Platz mit Blick auf die beiden Teiche.

 

„Was gibt es denn zum Kaffe?“, fragte Heidi, die auf Marlies und Cama zukam.

„Selbstgebackene Nussecken. Das ist ganz viel Arbeit“, antwortete Cama ihrer Mutter.

„Hm, die sehen aber auch ganz toll aus“, stellte Heidi mit Blick auf das Gebäck fest.

 

Die gelben Blumen standen, aufgeteilt in vier Gläsern mit Wasser, bereits auf dem Tisch. Opa hörte den Jungen aufmerksam zu, als die ihm erklärten, was es mit den Blumen auf sich hatte.

 

„Oma, stimmt doch?!“, sprach Mani Marlies an.

„Was denn?“

Das wir ein gelbes Bild machen.“

„Ja, das stimmt.“

„Ich verstehe das nicht“, sagte Opa.

„Wo drum geht es denn?“, fragte Heidi.

„Um ein gelbes Bild, das wir mit Oma malen wollen“, antwortete Maju.

„Deshalb haben Niko und Oma die gelben Blumen gepflückt“, ergänzte Cama.

 

Während sie sich an den Tisch setzten, redeten alle durcheinander. Tossi hatte sich zwischen Maju und Mani postiert und schaute geduldig wartend auf den Gebäckteller. Die Hündin wusste genau, dass sie von den beiden Jungs das eine oder andere Stück abbekommen würde.

Und so war es dann auch. Maju hatte zuerst die vier Schokoladenecken abgebissen und selbst gegessen. Dann biss er ein weiteres Stück seiner Nussecke ab und spuckte es auf seine Hand. Die offene Hand mit dem Leckerchen hielt er so, dass Tossi sie dankbar abschlecken konnte. Mani wolle es Maju gerade gleich tun, doch Tossi war plötzlich verschwunden. Ganz leise. Niemand hatte es bemerkt.

„Tossi, wo bist du?“ Mani schaute verduzt in die Runde.

Alle guckten auf die Stelle, wo die Hündin soeben noch gesessen hatte. Sie war weg.

„Dahinten läuft sie“, sagte Bernd und zeigte Richtung Gerätehaus.

Alle schauten Bernds Finger hinterher und konnten noch im letzten Moment sehen, dass Peter, Nachbars Kater, wie ein Äffchen auf den Mammutbaum kletterte.

Tossi bremste ihre Verfolgung abrupt vor dem Baum ab, bellte in Richtung Kater, sprang mehrmals mit allen vier Beinen in die Luft, um sich dann mit einem Gemisch aus Bellen und Jaulen in voller Größe auf ihre Hinterbeine zu stellen und sich mit den Vorderpfoten am Baumstamm abzustützen. Am Liebsten wäre sie hinter dem Kater her geklettert. Aber das konnte Tossi nicht. Peter schaute fauchend von oben auf die Hündin herab.

 

„Ich glaube, Tossi schimpft mit Peter. Sie will, dass er aus ihrem Garten abhaut“, kommentierte Mani die Situation.

Cama sah Mani an. “Aber Peter tut mir leid. Der kleine Kater kann sich doch gegen den großen Hund überhaupt nicht wehren.“

„Das stimmt doch gar nicht“, mischte sich Maju ein. „Katzen sind viel schneller als Hunde. Guckt mal, Peter könnte jetzt von oben auf Tossi’ s Kopf springen und ihr das Gesicht zerkratzen.“

„Arme Tossi“. Mani brach ein paar Stückchen von seinem Gebäck ab, legte sie auf seine Hand, rutschte von der Bank und lief auf den Hund zu.

„Tossi, komm, Leckerchen“, rief er so lange, bis sie ihre Vorderpfoten auf die Erde stellte, noch einen Blick zu dem Kater warf und schwanzwedelnd auf Mani zugetrottet kam. Dankbar schleckte sie die Leckerchen von Manis Hand. Peter war sofort für sie vergessen. Der, nicht dumm, hatte die Situation sofort erkannt. Er sprang vom Baum und verschwand blitzschnell in sichere Gefilde.

 

2.

 

 

Es war Samstag morgen. Wolkenloser, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Ein traumhaft schöner Sommertag kündigte sich an.

Das Vogelgezwitscher im Garten war so vielfältig, dass Marlies sich auf die Bank am großen Gartenteich setzte und die herrliche Atmosphäre genoss. Sie beobachtete eine Weile die vielen Vögel und hörte ihrem Gesang zu. Irgendwo klopfte ein Specht. Es hörte sich wie leiser Trommelwirbel an.

Gleich würden ihre Enkel kommen und bis Sonntag Nachmittag bleiben.

Das gelbe Bild sollte entstehen. Der Pavillon diente wieder als Freiluftatelier. Marlies hatte dort bereits alle gelben Farben, die sie besaß, hingestellt. Auch verschiedene Rot-, Grün-, Blau- und Braun-Töne und natürlich Weiß standen zum Mischen bereit.

Es sollte nicht nur ein künstlerisches Experiment in Gelb werden, sondern auch ein Farb-Material-Mix, stellte Marlies sich vor. Deshalb gab es viele Arten von Farben.

Acryl-, Aquarell-, Öl-, Plaka- und Wandfarbe, die normalerweise zum Anstreichen benutzt wurde.

Die Malkittel für die Kinder lagen bereit. Ebenso Pinsel und Spachtel in allen möglichen Größen. Ein mit Leinwand bespannter Keilrahmen in der Größe einhundert mal einhundert Zentimeter lag auf einem ebenso großen Holzbock, den Bernd für Marlies’ künstlerische Aktivitäten gezimmert hatte. Den schweren Sandsack, der sonst für Steinarbeiten auf dem Holzbock lag, hatte sie auf einem Stuhl deponiert.

Tossi, die neben ihr im Gras lag und ebenfalls das morgendliche Vogeltreiben beobachtete, horchte plötzlich auf. In dem Moment, als sie den Kopf in Richtung Gartentor drehte, stürmte sie auch schon los. Marlies konnte zwar noch niemanden sehen, wusste aber durch Tossi’ s Verhalten, dass da die Kinder kommen würden.

 

„Oma, wir kommen“, rief Cama und winkte.

„Ich höre es“, rief Oma zurück und ging mit aufgehaltenen Armen auf ihre Enkel zu.

„Du bist aber chic“, sagte sie zu Cama, nachdem die Beiden sich herzlich begrüßt hatten.

Cama hob die Arme hoch und drehte sich grazil um ihre eigene Achse, um Oma das neue Sommerkleid vorzuführen.

Während Mani und Maju noch mit Tossi beschäftigt waren, bewunderte Oma Camas Kleid. Es war aus einem schönen fließenden Stoff in leuchtend bunten Sommerfarben mit einfarbig roten Spaghettiträgern und hatte vorne und hinten jeweils zwei aufgesetzte Taschen, ebenfalls in Rot.

„So ein tolles Sommerkleid habe ich ja noch nie gesehen“, sagte Oma.

„Mama hat es mir gestern aus der Stadt mitgebracht.“ Cama machte gerade noch ein paar Mannequin-Bewegungen, als ihre Brüder angelaufen kamen, um Oma zu begrüßen. Auch sie waren im Sommeroutfit. Bermudas und Muskel – Shirts. Beide stellten sich neben ihre Schwester und äfften in Jungens-Manier deren Bewegungen nach. Es war so lustig, dass alle in gemeinsames Gelächter verfielen.

Opa, der unbemerkt dazu gekommen war, lachte fröhlich mit und kommentierte: „Ihr seid eine Rasselbande.“

 

„So, Kinder, jetzt kommt mal mit in den Pavillon. Ich habe schon alles für das gelbe Bild vorbereitet.“ Marlies ging voraus. Die Drei folgten, immer noch lachend und feixend.

 

 

Das gelbe Bild

 

Nachdem die Kinder ihre Sommerklamotten aus- und die Malkittel angezogen hatten, ging es los.

„Wie bei dem Vier – Elemente - Bild, teilen wir die Leinwand auch wieder in vier Teile auf“, erklärte Oma. „Dafür müssen wir zuerst messen.“

Maju nahm sich den Zollstock. „Ich mache das.“

Er maß zwei Seiten und stellte fest: „Das ist ein Quadrat. Ein Meter mal ein Meter. Dann hat jeder eine Fläche von fünfzig mal fünfzig Zentimetern.“

„Sehr richtig, mein Schatz. Markiere mit einem Bleistift an allen vier Seiten die Mitte. Dann setzen wir den Zollstock quer über die Leinwand an diesen Markierungspunkten an und ziehen eine Linie von einer Seite zur anderen. Cama, wie viel Linien müssen wir ziehen, damit vier Quadrate entstehen?“. Marlies sah ihre Enkelin fragend an.

Camas Antwort kam wie ein Blitz. „Zwei.“

„Genau. Und was entsteht in der Mitte, wenn die zwei Linien gezogen sind, Mani?“

Der überlegte kurz. „Ein Kreuz“. Sagte er mit einer Selbstverständlichkeit, die Oma schmunzeln ließ.

„So ist es. Dann wollen wir das jetzt mal machen. Maju und ich halten den Zollstock Genau an den markierten Punkten fest und dann zieht jeder von euch Beiden mit dem Kohlestift einen Strich Genau an dem Zollstock entlang. Cama, du fängst an.“

Cama stellte sich seitlich zum Zollstock und zog ihre Linie mit dem Stift über die Leinwand. Es klappte einwandfrei. Jetzt war Mani dran. Es fiel ihm noch etwas schwer, den Kohlestift gerade am Zollstock vorbei zu führen. Die Linie wurde etwas krumm, aber das machte nichts.

„Jetzt haben wir vier gleich große Quadrate. Für jeden eins“, sagte Maju.

„Ich nehme das hier“. Mani besetzte sofort ein Quadrat mit seinen Händen. „Und neben mir, das ist für Oma“.

„Und auf der anderen Seite neben dir?“, fragte seine Schwester ihren kleinen Bruder.

„Das ist für dich“.

„Gut ausgewählt“, stellte Maju fest. „Dann sind wir Männer uns gegenüber“.

„Und wir Frauen auch“, grinste Cama in die Runde. Alle mussten lachen.

 

Damit jeder seine gelben Blumen wieder erkennen konnte, hatte Marlies Namensschilder auf die kleinen Vasen geklebt. Und das war gut so, denn Maju wusste nicht mehr, welche Blumen ihm gehörten. Wegen dem Namensschild konnte er sie jedoch sofort identifizieren. Er nahm sich sein Blumenglas und verteilte die anderen Drei.

„Jeder fängt mit der hellsten Farbe an. Nehmt also euere hellste Blume. Dann schauen wir gemeinsam, welches Gelb in Frage kommt“, sagte Marlies.

„Warum die hellste Farbe zuerst?“, wollte Cama wissen.

„Beim Malen beginnt man in der Regel immer mit den hellen Farben. Dann kommt der Farbton, der ein bisschen dunkeler ist und so weiter. Erst zum Schluss wird der dunkelste Farbton aufgetragen. Wenn man mit einer dunklen Farbe beginnen würde, wäre es ganz schwierig, darüber mit hellen Farben zu malen. Sie würden immer dunkel schimmern“, antwortete Oma.

 

Die Kinder hatten ihr konzentriert zugehört, betrachteten noch mal ihre Blumen und nahmen jeweils die hellste in die Hand.

Auf dem großen, runden Tisch, auf dem Marlies alle Farben und Malutensilien deponiert hatte, hielt jeder seine Blume an gelbe Flaschen, Tuben und Tiegel, um sein Gelb zu bestimmen. Alle beratschlagten miteinander und Oma gab Mischempfehlungen.

Cama entschied sich für eine hellgelbe Aquarellfarbe, die aber noch nicht dem Weiß-Gelb ihrer Blume entsprach. Also würde mit weißer Aquarellfarbe gemischt werden müssen.

Bei Maju war es schon etwas schwieriger. Seine hellste Blume hatte einen beigen Schimmer. Dazu brauchte man neben Gelb ein kleines bisschen Braun und selbstverständlich Weiß. Er wollte mit Plaka - Farbe arbeiten.

Mani und Marlies wählten Acryl – Farbe. Manis Blume hatte ein helles Gelb, das Genau mit einem Acryl – Gelb übereinstimmte.

„Dann brauche ich ja gar nicht zu mischen“, stellte er etwas bedröppelt fest.

„Von wegen“, sagte Cama. „Guck mal Genau hin, da sind ganz feine Streifen in orange-gelb auf den Blütenblättern.“

„Oh je, muss ich die auch machen?". Mani sah seine Schwester fragend an.

„Na klar“, antwortete diese, „und dafür musst du auch mischen.“

Mani freute sich darüber, dass er nun doch eine Mixtur herstellen durfte und reservierte sich sofort eine Acryl – Tube mit Orange.

Marlies wählte, passend zu ihrer Blume, ein Ockergelb, das, mit weiß gemischt, die Farbe ihrer Blütenblätter ergeben sollte.

 

Alufolie, zwei mal gefaltet, sollte als Palette für die Acryl- und Plakafarben dienen. Cama würde den Deckel des Aquarellkastens als Palette benutzen.

 

„Und wie machen wir jetzt weiter?“, fragte Maju.

„Also, passt auf. Es gibt ganz viele Möglichkeiten. Jeder kann seine Fläche auf der Leinwand so gestalten, wie er möchte. Man könnte zum Beispiel mit der ersten Farbmischung das ganze Quadrat ausmalen. Da wir die hellste Farbe zuerst nehmen, können wir problemlos die Nächste drüber arbeiten.

Wilde Pinselstriche, vielleicht sogar mit verschiedenen Pinselstärken, sähen bestimmt interessant aus. Oder man teilt seine Fläche gedanklich in drei Teile und bringt die verschiedenen Gelb - Töne in jeweils einem Teil auf. Die Aufbringung könnte dann auch mit verschiedenen Werkzeugen geschehen. Zum Beispiel dünnflüssige Farbe mit einem feinen Pinsel, dickflüssige Farbe mit einem großen, flachen Pinsel oder einer Spachtel. Mit der dicken Wandfarbe wäre es sogar möglich, Erhöhungen und Vertiefungen heraus zu arbeiten.“

 

Fasziniert hatten die Kinder zugehört. Das so viele Variationen möglich waren, hätten sie nicht gedacht. Jetzt schlugen ihre Gedanken Purzelbäume. Die Entscheidung, wie jeder sein Quadrat gestalten sollte, war schwierig. Die Drei diskutierten, beratschlagten und gaben sich gegenseitig Tipps.

 

„Wisst ihr was, Kinder? Es ist schon Mittag. Wir machen eine Pause. Was haltet ihr von einem Picknick? Dabei könnt ihr weiter reden und euere Konzepte für die Bildgestaltung entwickeln.“

Die Drei waren begeistert.

„Was gibt es denn?“, wollte Maju wissen.

„Kartoffelsalat, Frikadellen, Würstchen, Tomaten, Obst und Orangensaft“, antwortete Marlies

„Erzählst du uns auch eine Geschichte?“, fragte Mani drängelnd seine Oma, während alle ins Haus gingen, um die Picknicksachen zu holen.

„Zuerst besprechen wir die Bildgestaltung. Wenn feststeht, wie die sein soll, dann erzähle ich euch noch eine Geschichte“. Marlies sah Mani, den Geschichtenliebhaber lächelnd an und streichelte ihm über die, durch die Sommersonne noch blonder gewordenen, Haare.

 

Drinnen angekommen, packten sie drei Körbe für das Picknick. Für die Picknickdecke war Mani zuständig. Eine große Decke, die, zusammen gefaltet mit einer Lasche und Klettverschluss, ein Paket ergab, das, mit einem Griff versehen, getragen werden konnte.

„Wo soll die hin?“, wollte Mani im Vorbeigehen wissen. Der kleine Wirbelwind war schon wieder auf dem Weg in den Garten.

„Auf die kleine Halbinsel zwischen den zwei Teichen“, rief Oma ihm nach.

Maju, der Orangensaft, Gläser, Besteck und Servietten transportierte, ging gemächlichen Schrittes hinter Mani her.

Cama hatte die Frikadellen, Würstchen, Tomaten und Pfeffer- und Salzmühle in ihrem Korb und wartete auf Marlies, die noch das Obst zu der Schüssel mit Kartoffelsalat und den Tellern in ihren Korb sortierte.

„Halt“, sagte Oma. „Wir nehmen noch ein Glas von meinem selbst hergestellten Senf mit“.

„Hast du selber Senf gemacht? Wie geht das denn“, fragte Cama. „Ich kenne nur gekauften Senf“, stellte sie fest.

„Selbst gemachter Senf ist etwas ganz besonderes. Da kommen frische Früchte rein. Und wenn er süß sein soll, auch noch Zucker. Irgendwann zeige ich dir mal, wie das geht. Es ist ganz spannend. Dann kannst du deine Mama mit selbst gemachtem Senf überraschen“.

 

Die Beiden gingen mit ihren Picknickkörben in den Garten. Auf der kleinen Halbinsel, die gerade so groß war, dass die bunt – karierte Picknickdecke darauf passte, hatten die Jungen schon alles vorbereitet. Sie unterhielten sich über das gelbe Bild, als Marlies und Cama ankamen.

 

Jetzt im Sommer ist hier der schönste Picknickplatz, dachte Marlies. Ein Wasserfall ergoss sich von einer Anhöhe laut plätschernd in den kleinen Teich. Von diesem lief das Wasser murmelnd über Kieselsteine in das tiefer liegende Gewässer. Diese einmalige Idylle hatte Bernd selber geschaffen. Jede Menge Erdarbeiten waren erforderlich gewesen, um die Höhen und Tiefen zu gestalten. Aber es hatte sich gelohnt, fand Marlies. Ein kleines Paradies mitten in der Zivilisation war so entstanden.

 

Als sie ihre Picknickkörbe ausgepackt, mitten auf die Decke gestellt und sich gemütlich hingesetzt hatten, besprachen sie zunächst, Einer den Anderen übertönend, ihre Konzeptionen für das gelbe Bild. Marlies merkte, dass sich, trotz durcheinander Redens, bei Jedem eine Vorstellung heraus kristallisierte.

„So, nun mal der Reihe nach“, sagte sie. „Einer nach dem Anderen sagt jetzt, was er sich vorstellt. Cama, du fängst an.“

„Also“, begann Cama. “Ich male mit der weiß-gelben Aquarellfarbe mein Quadrat gleichmäßig aus. Für die nächste Gelb-Mischung nehme ich glänzende Acrylfarbe. Mit einem breiten Pinsel mache ich lange und kurze Striche über die ganze Fläche. Zum Schluss nehme ich Ölfarbe und setze mit unterschiedlich dicken Pinseln Punkte zwischen die Striche. Alles mache ich so, dass man die drei Gelb-Töne gut erkennen kann.“

 

„Ich teile mein Quadrat in drei senkrechte Vierecke. Die male ich dann mit meinen Gelb-Tönen aus. Rechts und links nehme ich Plakafarbe und in der Mitte Acryl“. Maju, der Ökonom, hatte so lange hin und her gedacht, bis er eine reduzierte, einfache Lösung für sich gefunden hatte.

 

„Und ich“, meldete sich Mani, „male mit dicken und dünnen Pinseln Kreise. Aber nur mit den ersten beiden Farben. Das letzte Gelb muss ganz dick sein. Das will ich nämlich mit einer Spachtel in die Kreise füllen“.

 

Jetzt war Marlies dran. „Meine drei Gelb-Töne werde ich ineinander laufen lassen und dann vorsichtig mit einem Schwämmchen verwischen. Aber in jedem Fall so, dass jedes Gelb zu sehen sein wird. Ich nehme nur Acryl-Farben“.

 

„Oma, was wird denn aus dem Kreuz in der Mitte?“, wollte Maju wissen.

 

„Das weiß ich auch noch nicht“, antwortete Marlies. „Ganz zum Schluss, wenn alle Quadrate fertig sind, werden wir gemeinsam eine Lösung suchen“.

 

„Du wolltest uns noch eine Geschichte erzählen“, erinnerte Mani, für den das Thema Bildgestaltung nun abgeschlossen war, seine Oma.

 

Während die Kids sich das Obst einverleibten, begann Marlies zu erzählen.

 

 

Der Haarschnitt

 

„Als ich neun Jahre alt war, freundete ich mich mit Monika an. Die wohnte in unserer Nachbarschaft und war drei Jahre älter als ich, riesengroß, etwas dicklich und hatte wunderschöne, dicke, braune, ganz lange Haare, die ihr bis über die Schultern fielen. Dafür bewunderte ich sie. Jedes mal, wenn Monika sich nach vorne beugte, fielen ihre Haare fast bis auf die Erde.

Ich hatte kurze Haare, was wiederum Monika bewunderte. Sie war nämlich ihre schönen, langen Haare leid. Einerseits verstand ich das, als sie mir erklärte, welcher Tortur sie sich jedes Mal aussetzen musste, wenn ihre Mutter ihr die Haare wusch. ‚Das dauert immer wahnsinnig lange’, erzählte sie mir. ‚Und anschließend darf ich Stunden lang nicht rausgehen, bis die blöden Haare trocken sind, weil ich mich sonst erkälten könnte’.

Das fand ich natürlich auch doof. Aber andererseits war es immer ganz toll, wenn Monika den Kopf bewegte und ihre Haarpracht wie wogende Wellen dahin floss. So eine Mähne hätte ich eigentlich auch gerne gehabt. Doch anscheinend gab es ganz viele Nachteile.

Monikas Mutter sagte oft: ‚Mach dies nicht und mach das nicht, sonst bleibst du mit deinen Haaren hängen.’

Nein, das wäre für mich nichts gewesen. Ich wollte alles machen können, ohne über meine langen Haare nachdenken zu müssen.

Irgendwann stand dann für mich fest, dass ich bei meiner Kurzhaarfrisur bleiben würde. Lästig waren allerdings die Friseurbesuche. Das hatte dazu geführt, dass ich immer öfter selbst an meinen Haaren herum schnippelte. Mit einer kleinen Nagelschere. Vor allem am Pony und an den Seiten. Ich beobachtete den Friseur Genau bei seiner Haarschneidetechnik. Das sah einfach aus, gestaltete sich bei mir aber als äußerst schwierig. Wenn man nämlich in den Spiegel guckte, war alles seitenverkehrt, stellte ich schnell fest. Und so passierten anfangs auch schon mal Fehlschnitte, die von meinen Eltern gar nicht gerne gesehen wurden. Weil mich das fürchterlich ärgerte, entwickelte ich so einen Haarschneideehrgeiz, dass irgendwann gar nicht mehr auffiel, wenn ich selbst zur Schere gegriffen und an meinen Haaren herumgeschnitten hatte.

 

Eines Tage, es war in den Sommerferien, kam Monika mit einem Modemagazin ihrer älteren Schwester, zeigte mir eine Kurzhaarfrisur und sagte: ‚Die will ich haben. Schneidest du mir so meine Haare?’

Ich bekam einen Schreck. ‚Das gibt Ärger’, war meine Reaktion.

‚Egal, wenn sie ab sind, sind sie ab. Dann kann meine Mutter schimpfen, wie sie will, die kommen nicht mehr dran’.

Da hatte Monika natürlich Recht.“

 

„Hast du das gemacht?“, fragte Cama ganz gespannt ihre Oma.

 

„Ja. Mir war zwar etwas mulmig zu Mute, aber Monika war fest entschlossen und ließ keine Wiederrede zu.“

 

„Warum ist sie denn nicht zum Friseur gegangen?“. Maju schaute Marlies fragend an.

 

„Weil ihre Mutter das nicht erlaubt hätte.“

 

Den Kindern gefiel die Geschichte.

 

„Erzähl weiter“, forderte Mani.

 

„Okay. Ich ging nach Hause, um Kamm, Schere und einen Spiegel zu holen. Dabei passte ich höllisch auf, dass meine Mutter mich nicht erwischen würde. Denn auch die hätte unser Vorhaben nicht geduldet. Ich tat die Utensilien in meinen Handarbeitsbeutel. Das war in jedem Fall unauffällig, fand ich.

Wir trafen uns im hinteren Teil von Monikas Garten. Einem verwilderten Stück und unser Spiel-Refugium. Hier hatten wir einiges zusammengetragen. Einen alten Tisch, Holzkisten zum sitzen oder übereinander stapeln, zwei abgefahrene Autoreifen, Monikas alten Kaufladen und einen Gartensessel.

In diesen Teil des Gartens kam nie jemand. Das war die einzige Stelle, wo wir ungestört die Haarschneideprozedur vollziehen konnten. Monika setzte sich in den Sessel, legte den Spiegel in ihren Schoß und forderte mich auf anzufangen.

‚Bist du auch ganz sicher?“, fragte ich sie lieber noch einmal.

‚Ja klar’, antwortete sie. ‚Jetzt sei kein Feigling und mach voran’.

Unentschlossen stand ich vor der Haarmähne. Wo und wie sollte ich beginnen? Das Bild mit Monikas Wunschfrisur lag auf dem Tisch. Ich sah es mir noch einmal eingehend an. Dann nahm ich entschlossen den Kamm, teilte eine Strähne mitten auf Monikas Kopf ab und schnitt beherzt zu. Meine kleine Schere schaffte allerdings die dicke Strähne nicht. Also machte ich sie dünner. Jetzt ging es. So ungefähr fünf Zentimeter Haare mussten stehen bleiben; das hatte Monika ausgerechnet.

Ich schnitt und schnitt und hatte den Eindruck, dass die Haarpracht nicht weniger wurde, obwohl sich der Korb, der neben mir stand, schon ganz schön gefüllt hatte.

Monika war eine geduldige Kundin. Ihr müsst wissen, dass wir Friseurgeschäft spielten. Ich war die Friseurin, Frau Müller und Monika die Kundin, Frau Klein. Den Namen fanden wir beide sehr lustig, weil Monika doch so groß war.

Zwischendurch fragte ich immer wieder: ‚Ist es so gut, Frau Klein?’, oder: ‚Gefällt es ihnen?’.

Sie schaute dann in den Handspiegel und antwortete: ‚Ich bin sehr zufrieden, Frau Müller’,

 

Na ja, jedenfalls dauerte es Stunden lang, bis alle Haare ab waren. An den Seiten wollte Monika franselige Koteletten und das Pony sollte auch in Fransen geschnitten sein, Genau wie auf dem Bild in der Zeitschrift.

Ich gab mir alle Mühe, aber der Fransenschnitt war am Schwierigsten.

Endlich war es so weit. Die Frisur war fertig. Ich begutachtete sie von allen Seiten und befand sie, im Vergleich mit der Vorlage aus dem Modeheft, als gelungen.

Monika betrachtete sich eingehend im Spiegel. Auch sie war zufrieden. Beide kamen wir zu der Überzeugung, dass Monikas Gesicht besser zur Geltung kam und die neue Frisur auch wunderbar zu ihrem Typ passte. Sie war so stolz, glücklich und selbstsicher, dass sie sich freudig erregt sofort ihrer Mutter präsentieren wollte.

Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken. Das gibt ein Donnerwetter, dachte ich, sagte aber nichts, weil ich Monikas Freude nicht trüben wollte.

Ich packte die Haarschneidesachen in meinen Handarbeitsbeutel und Monika nahm den Korb, der mit ihren herrlichen Haaren ziemlich voll geworden war.

Wir gingen durch den Garten Richtung Haus. Immer wieder schüttelte Monika ihren Kopf. Keine Haare wallten mehr um ihr Gesicht. Ein paar Mal hüpfte sie vor Übermut in die Höhe.

Ihre Mutter sah uns schon von weitem. Sie schaute aus dem Küchenfester und bewegte sich nicht. Als wir näher kamen, bemerkte ich, dass sie sehr blass aussah. Ihre Augen waren ganz groß vor Schreck.

Sie hat bestimmt einen Schock, dachte ich.

Doch von wegen. Plötzlich ging das Donnerwetter los. Ihr Gesicht wurde dunkelrot.

‚Kommt sofort zu mir! Alle Beide!’, befahl sie in einem Ton, der keine Wiederrede zuließ.

Monikas Freudengesicht hatte sich in ein Schreckgesicht verwandelt. Tränen liefen über ihr Wangen.

Ich hatte das Gefühl immer kleiner zu werden. Schlucken half nicht mehr. Auch mir quollen die Tränen über.

Zuerst wurde Monika ausgeschimpft. Ihr Gesicht war ein Tränenmeer. Sie tat mir unendlich leid, wie sie da stand, in der Hand immer noch den Korb mit ihrer Haarpracht.

Dann kam ich dran. ‚Was hast du dir bloß gedacht?! Das ist doch keine Frisur. Überall Treppen und Löcher’.

‚Besser ging es nicht’, sagte ich kleinlaut.

Wie begossene Pudel standen wir da. Die Schimpftiraden dauerten lange. Das Ergebnis war, dass Monika sofort zum Friseur sollte. Ihre Mutter wollte mitgehen. Außerdem bekam sie zwei Tage Hausarrest und durfte mich eine Woche nicht sehen.“

 

„Und was hat deine Mutter gesagt?“, wollte Cama wissen.

 

„Tja, dass war so. Als Monikas Mutter mit der Schimpferei fertig war, nahm sie, immer noch sehr ärgerlich, uns beide an die Hand und ging wortlos mit uns zu meiner Mutter. Wir Zwei waren muksmäuschenstill und schauten betreten zu Boden, als sie meiner Mutter, die vor Schreck die Hände vor ihren Mund hielt und die Augen ganz weit aufriss, das ganze Dilemma erzählte. Allerdings, und das fand ich nett von Monikas Mutter, bat sie meine Mama, nicht mehr zu schimpfen, denn das hätte sie schon ausreichend erledigt.

Ich bekam leider auch zwei Tage Hausarrest.“

 

„War Monika dann bei Friseur?“, frage Cama interessiert.

 

„Ja. Ihre Mutter ist mit ihr hingegangen. Als ich sie nach einer Woche wieder sah, fand ich, dass sie wunderschön aussah mit ihrer neuen Frisur. Aber irgendwie fand ich keinen Unterschied zwischen meinem Haarschnitt und der Korrektur durch den Friseur. Monika auch nicht.“

 

„Ganz schön mutig“, kommentierte Maju die Geschichte.

 

„Finde ich auch“, sagte Cama.

 

„Ich auch“, schloss sich Mani seinen Geschwistern an.

 

Der königsblaue Himmel spiegelte sich im Wasser der beiden Teiche und die Sonnenstrahlen tanzten auf den kleinen Wellen, die der Wasserfall verursachte, als die Vier den Picknickplatz aufräumten. So ruhig hatte Oma ihre Enkel selten erlebt. Jeder war in seine Gedanken versunken.

Wahrscheinlich transplantieren sie die Geschichte auf ihre eigenen Freundschaften und überlegen, ob und mit wem sie sich trauen würden, heimlich so etwas zu machen, dachte Marlies.

 

Nachmittags arbeiteten alle im Freiluftatelier weiter an dem gelben Bild. Vorsichtig wurden die Farben gemischt, um das Gelb der Blütenblätter möglichst Genau zu treffen. Das war gar nicht so einfach.

Glücklicherweise hatte Bernd eine Folie über den Tisch im Pavillon gespannt.

„Zum Schutz“, sagte er, „sonst haben wir nachher mehr Farbe auf der Tischplatte, als auf dem Bild“.

Er hatte Recht. Schon nach der ersten Farb-Misch-Runde wirkte die Folie wie ein Kunstwerk. Und jedes Kind auch. Auf den Malkitteln, die schon bunt von früheren Malaktionen waren, überwog nun Gelb. Das Gelb hatte sich auch in die Gesichter, in die Haare, auf die Arme und sogar auf die Beine seinen Weg gesucht. Es sah so lustig aus, dass Opa, als er zum Kaffee kam, sofort den digitalen Fotoapparat holte und Alle fotografierte.

„Ich habe Kaffeeteilchen mitgebracht“, sagte er. „Bestimmt habt ihr eine Pause verdient.“

 

Nachdem die Kaffeeteilchen verschlungen und die, soeben von Opa gemachten, Fotos angeguckt waren, musste er das bisher auf der Leinwand Geschaffene begutachten. Er sollte, als loyaler Unbeteiligter, seine Meinung kundtun.

 

Bernd war über das, was er sah, sehr positiv überrascht und bewunderte zuerst Manis Quadrat.

 

„Das sind aber sehr schöne Kreise. Du hast ja unterschiedliche Pinsel genommen. Deshalb sieht dein Bild jetzt schon sehr interessant aus“.

 

„Du musst die Farbe mit der Blume vergleichen“, sagte Mani und hielt die Blüte an seine Kreise.

 

„Da ist ja gar kein Unterschied“, stellte Opa bewundernd fest.

 

„Ist das sehr gut?“ Mani sah seinen Opa mit einem Augenaufschlag an, der keine andere Note zugelassen hätte.

 

„Ja, das ist sehr gut“, bestätigte Opa lachend.

 

Und Mani war stolz, wieder eine „Eins“ bekommen zu haben.

Auch von Camas gleichmäßigem Aquarellfarbenauftrag war Opa begeistert. Er wollte wissen, wie sie so eine gleichmäßige Farbverteilung hinbekommen hatte.

 

„Anfangs war es schwierig“, erklärte sie ihm. „Aber Oma hat mir ein Schwämmchen gegeben und damit habe ich das dann so hingekriegt“.

 

„Toll“, urteilte Opa.

 

Maju, der Rechenkünstler, hatte sein Quadrat in drei Streifen aufgeteilt. Er hatte gerechnet, gemessen und Linien gezogen. Acht, siebzehn und fünfundzwanzig Zentimeter waren die Streifen breit. Das größte, rechte Feld war von ihm mit der hellsten Plakafarbe gleichmäßig ausgefüllt worden.

 

„Du hast ja richtig technisch gearbeitet“, stellte Opa begeistert fest und schlug Maju anerkennend auf die Schulter.

 

„Haben wir alle eine „Eins“?“, wollte Mani wissen.

 

Opa blickte anerkennend in die Runde. „Ja, ihr habt sehr gut gearbeitet. Jeder hat eine „Eins“ verdient“.

Die Kinder waren sehr stolz.

 

„Ich denke, wir haben für heute genug gearbeitet“, sagte Marlies. „Morgen machen wir weiter. Geht spielen. Ich räume auf und später grillen wir“.

 

„Wir könnten Stockbrot über dem Grillfeuer machen“, schlug Maju vor.

 

„Und Kartoffeln zwischen die Kohlen legen“, ergänzte Mani Maju’ s Vorschlag.

 

Cama war schon mit dem langen Wasserschlauch hinter Tossi her, um sie nass zu spritzen. Als die Jungen hinter ihrer Schwester herliefen, um sich an der Jagd zu beteiligen, drehte sie sich blitzschnell um, hielt den Schlauch auf ihre Brüder und nass waren sie von oben bis unten.

Gekreische, Gelächter und freudiges Hundegebell erfüllte den Garten.

So ein schöner Sommertag, dachte Marlies.

 

„Oma, wo hängen wir eigentlich das Bild auf, wenn es fertig ist?“, wollte Cama am nächsten Morgen wissen.

 

Alle hatten schon im Garten gefrühstückt. An der Ostseite gab es einen lauschigen Platz mit einem Tisch und Stühlen, den Bernd für Sommerfrühstücke gestaltet hatte, damit man die Morgensonne genießen konnte.

 

„Das habe ich auch schon überlegt“, antwortete Marlies. „Ich denke an der Wand im Wintergarten wirkt es am Besten. Durch die unterschiedlichen Lichteinwirkungen im Laufes eines Tages, oder je nach Wetter, werden die gelben Farben immer wieder anders wirken“.

 

„Au ja“, bekräftigte Mani Omas Aussage. „Dann sehen wir es immer sofort, wenn wir kommen“.

 

Maju fand das auch gut. Cama lief die Stufen zum Wintergarten hoch, blieb kurz davor stehen, betrachtete die Wand, die Marlies beschrieben hatte und rief den Anderen zu: „Ja, das ist Genau die richtige Stelle. Man kann das Bild dann auch von draußen sehen“. Erfreut lief sie zurück und fragte: „Hängen wir es sofort auf, wenn es fertig ist?“

 

„Ist doch Ehrensache“, antwortete Oma.

 

Die zweite Schaffensphase begann. Die Farben wurden gemischt und mit den Blumenblüten verglichen. Einer half dem Anderen bei der richtigen Farbfindung. Oft wurde gelacht und diskutiert, bis endlich das passende Gelb erreicht war.

Maju arbeitete wieder mit Plakafarbe und malte das linke Feld seines abgeteilten Quadrates akribisch Genau aus. Das war schlau, weil er zum Schluss, beim Ausmalen der Mitte mit Acryl, jeweils rechts und links einen schönen Anschluss an die Plakafarbe finden würde.

Mani setzte mit seiner zweiten Acryl-Mischung weitere Kreise zwischen die bereits vorhandenen. Er betrachtete immer wieder sein Werk, um zu entscheiden, wo er den nächsten Kreis platzieren sollte.

Bei Cama entstanden unterschiedliche Striche in glänzendem Acryl-Gelb. Bevor sei einen Pinselstrich setzte, begutachtete sie ihr Kunstwerk von allen Seiten. Auf diese Weise brachte sie es fertig, eine Harmonie in ihr Quadrat zu bringen, und das, mit nur einem breiten Pinsel.

Marlies hatte ihre drei Farbmischungen zwar hergestellt, diese aber in kleinen Gläsern verschlossen auf dem Tisch deponiert. Erst in der dritten Phase würde sie ihren Bildteil erschaffen.

 

In der Mittagspause, diesmal nur kurz und ohne Geschichte, betrachteten und besprachen sie eingehend ihr Gemeinschaftswerk.

Der zweite Teil des Kunstprojektes war fertig gestellt. Sie spendeten sich gegenseitig Lob und bewunderten ihre fein herausgearbeiteten Farbkompositionen. Nur Omas Quadrat war noch weiß. Das störte das Gesamtbild, fanden ihre Enkel.

 

„Gleich wird sich das ändern“, sagte Marlies und griff zu den drei Gläschen mit ihren Farbmischungen.

 

Auch die drei Kids machten weiter, denn das Bild sollte nachmittags, wenn die Kinder abgeholt werden würden, fertig sein.

Marlies nahm für jede Farbe ein anderes Schwämmchen, die sie mit Wasser leicht angefeuchtet hatte. Um die richtige Farbkonsistenz zu erhalten, hatte sie den Acryl-Mischungen vorsichtig und tropfenweise Wasser hinzugefügt. Die Farben sollten ja ineinander laufen. Sie beförderte mit sauberen Pinseln je einen Klecks der drei gelben Farben direkt auf die Leinwand, in dem sie die Pinsel zirka 10 Zentimeter über ihr Quadrat hielt und die Farben abtropfen ließ. So ergaben sich wilde Strukturen und Formationen. Dann kippte sie das ganze Bild in alle Richtungen. Die drei Farben bahnten sich ihren Weg zueinander und verbanden und vermischten sich teilweise an einigen Stellen.

Während Oma diesen Arbeitsprozess vollführte, hatten ihre Enkel jede Handhabung von ihr fasziniert beobachtet. Als das Bild wieder waagerecht auf dem Holzbock lag, konnten alle weiter arbeiten.

 

Die Kinder stellten viele Fragen. Doch Oma wiegelte sie mit einem Satz ab: „Ich muss jetzt zügig weiter machen, sonst sind die Farben trocken und lassen sich nicht mehr verwischen.

 

Vorsichtig und dennoch schnell wischte Marlies die unterschiedlichen Gelb-Töne mit den Schwämmen zu einander. Teilweise arbeitete sie mit beiden Händen. Ab und zu tat sie mit einem Pinsel neue Farbe dazu, um diese dann wiederum schnell zu verwischen. Sie arbeitete mit viel Gefühl von innen nach außen und schloss vorsichtig die Grenzen zu Maju’ s und Manis Quadrat, so dass aus dem Mittelkreuz nun ein Dreieck geworden war.

 

Maju, der seinen mittleren Streifen mit einer Acryl-Farbmischung ausgefüllt hatte, war an beiden Seiten zu den Plaka - Streifen zu einer tollen Lösung gekommen. MIt einem sehr flachen, mittelbreiten Pinsel stieß er ziemlich waagerecht die Acryl-Farbe gegen die Linien der Plakafarbe. So sahen die Kanten sehr interessant aus. Keine langweiligen, geraden Abgrenzungen von einem Feld zum anderen, sondern beidseitig leicht fransselige Übergänge von dem Acryl-Gelb zu den Plakafarben.

 

Mani hantierte mit zwei Spachteln. Um seine Kreise mit dicker Farbe ausfüllen zu können, verwendete er unverdünnte Wandfarbe in die mehrere Abtönfarben gerührt werden mussten, um das richtige Gelb herzustellen. Marlies hatte ihm bei der Farbzusammenstellung geholfen. Mit einer breiten Spachtel nahm Mani die Farbe auf, schob sie mit der schmalen, spitzen Spachtel von der breiten in die Kreise, um sie dann vorsichtig in der Kreismitte zu verteilen. Das gelang ihm zur Freude seiner Oma sehr gut. Nicht ein einziges Mal kleckerte er.

 

Alle Vier waren mit ihren Quadraten fertig. Jetzt musste noch das Dreieck, also die Abgrenzung zwischen Camas Quadrat und den beiden Quadraten ihrer Brüder geschaffen werden. Sie stellten das fast fertige Bild auf die Staffelei und beratschlagten gemeinsam, wie sie am besten eine Lösung finden könnten. Deshalb schauten sie sich zuerst die Linie zwischen Camas und Maju’ s Bild an. Beide hatten bis ganz nahe an den dünnen Kohlestrich, der als Abgrenzung diente, gemalt, so dass nur ein schmaler Zwischenraum geblieben war. Der Kohlestrich war als Strich allerdings gar nicht mehr zu erkennen, sondern hatte in dem Zwischenraum eine schöne Schattenkante gebildet. Das wollten sie so lassen, entschieden Alle gemeinsam.

Dann begutachteten sie die andere Seite. Hier hatte Cama mit der Aquarellfarbe auch wieder fein säuberlich bis an den Kohlestrich gearbeitet und so eine klare Abgrenzung zu Manis Bild hinbekommen. Da Mani seine unterschiedlich großen Kreise auf die weiße Leinwand gemalt hatte, musste auf dieser Seite auch nichts mehr gemacht werden, um eine Verbindung oder Abgrenzung zu schaffen.

Zum Schluss wurden noch die zwölf verschiedenen gelben Blumen mit den Gelb-Nuancen auf dem Bild verglichen.

Alles war perfekt. Bis jetzt war arbeitstechnische Begutachtung notwendig gewesen. Als sie übereinstimmend zu dem Entschluss kamen, dass das Bild fertig sei und keine Korrekturen mehr notwendig waren, stellte Marlies die Staffelei mit dem gelben Bild mitten im Garten in die Sonne. Die zwölf Gelb-Töne leuchteten ihnen entgegen. Vor Stolz und Freude, dass sie ein so wunderbares Bild geschaffen hatten, fassten sich die vier Künstler an die Hände und umtanzten ausgelassen ihr Werk.

Tossi, die mitten zwischen ihnen lief, scherte plötzlich aus und flitzte zum Gartentor.

 

„Da kommen bestimmt Mama und Papa“, rief Mani.

 

Immer noch an den Händen haltend, liefen Alle, vor Glück strahlend und zufrieden, den Beiden entgegen.

 

„Kommt gucken“, rief Cama ihren Eltern schon von weitem zu. „Wir haben das schönste Bild auf der ganzen Welt gemacht“.

 

3.

 

„Weißt du was, Oma?“

 

„Was denn?“

Cama und Marlies saßen auf der Bank am großen Teich und zupften Blütenblätter von Ringelblumen, die sie gerade in der Blumenwiese gepflückt hatten.

Es war ein schwüler Sommermorgen. Die Wolken hingen gefährlich dunkel, dick und schwer am Himmel Es würde bestimmt bald ein Gewitter geben. Marlies hatte Cama frühmorgens zu Hause abgeholt. Wegen einer Lehrerkonferenz, war an diesem Tag schulfrei.

 

„Ich habe meiner Freundin Tina erzählt, dass du Monikas schöne, lange Haare abgeschnitten hast“.

 

„Und?“ Oma sah Cama fragend an.

 

„Wir würden uns beide nicht trauen, das zu tun“.

 

„Warum nicht?“

 

„Das haben wir auch überlegt. Ich glaube, weil keine von uns eine Kurzhaarfrisur haben möchte. Aber noch viel mehr, weil wir beide nicht wissen, wie man mit der kleinen Schere umgehen müsste, um überhaupt eine Frisur hinzukriegen. Wir haben es nämlich versucht. Guck mal“. Cama drehte ihren Hinterkopf zu Marlies, fasste mit beiden Händen ihre Haare im Nacken zusammen und hob sie hoch.

 

„Oh je. Das sieht aber wirklich nicht schön aus“, stellte Oma fest. „Hast du das bei Tina auch so gemacht?“

 

„Ja. Wir wollten beide mal ausprobieren, ob wir das können. Bei ihr sieht es Genau so schlimm aus“.

 

„Und wie seid ihr vorgegangen?“

 

„Tina hat ihre Haare mit den Händen zu einem Pferdeschwanz zusammen gehalten. So, wie ich jetzt. Dann habe ich mit einem Kamm hier unten quer einen Scheitel gezogen“. Während Cama mit der einen Hand ihre Haare festhielt, zog sie mit dem Zeigefinger der anderen Hand eine Linie von einem Ohr zum anderen, quer über ihren Kopf.

 

„Die unteren Haare fielen dabei aus dem Pferdeschwanz, den Tina anschließend mit einem Gummi festgebunden hat. Und dann habe ich geschnitten. Strähne für Strähne“

.

„Ganz schön mutig“, fand Oma.

 

„Ja. Aber zuerst habe ich mich gar nicht getraut. Doch Tina hat mich ermutigt, es zu tun. ‚Das sieht doch keiner’, sagte sie. Und da hatte sie ja Recht, weil die langen Haare alles überdecken. Also habe ich es gemacht. Und als ich fertig war, hat Tina es bei mir Genau so gemacht“.

 

„Gut, dass ihr nur unten drunter geschnitten habt. Hättet ihr, wie ich damals bei Monika, oben auf dem Kopf angefangen, wären euere Mütter wahrscheinlich vor Schreck im Erdboden versunken, wenn sie euch gesehen hätten. Wissen die überhaupt davon?“ Marlies sah ihre Enkelin anteilnehmend an.

 

„Nein, noch nicht“, antwortete Cama kleinlaut.

 

„Also, pass auf. Wir machen Folgendes. Tina hat doch heute auch schulfrei. Wenn wir hier mit den Ringelblumen fertig sind, rufst du sie an und schlägst ihr vor, zu uns zu kommen. Wir würden sie abholen. Bestimmt hat ihre Mutter nichts dagegen.“ Ermutigend streichelte Oma Cama, die mittlerweile ihre Haare wieder losgelassen hatte, über den Kopf.

 

„Und dann?“

 

„Dann korrigiere ich bei euch Beiden die Fehlschnitte und dann könnt ihr heute Abend zu hause alles erzählen. Es wird gut aussehen. Deshalb werden euere Mütter auch keinen Schreck bekommen. Sicherlich werden sie etwas schimpfen und euch verbieten, weitere Haarschneideversuche zu unternehmen. Aber es wird nicht so schlimm werden, als wenn ihr euch so präsentiert, wie ihr jetzt aussieht. Da ihr sowieso keine Kurzhaarfrisur haben wollt, werdet ihr bestimmt keine weiteren Haarschneideversuche mehr unternehmen.“

 

„Bestimmt nicht“. Cama sah ihre Oma dankbar an und fragte: „Kann ich jetzt sofort bei Tina anrufen?“

 

„Na klar. Geh rein. Es sind nur noch ein paar Ringelblumen zu zupfen, dann komme ich nach“.

 

„Wir können Tina abholen“.

 

Bevor Marlies mit ihrem Blütenzupfen fertig war, kam Cama schon wieder in den Garten gelaufen.

„Ich habe ihr schon alles am Telefon erzählt. Sie ist eben so froh wie ich, dass sie die verschnittenen Haare nicht ihrer Mama zeigen muss“.

Cama half Oma den Blumenabfall in Zeitungspapier zu wickeln. Marlies nahm die Schüssel mit den Blütenblättern und ihre Enkelin das Zeitungspäckchen mit dem Abfall, das sie in die Biotonne bringen sollte.

„Bevor wir losfahren wiege ich noch schnell die Blütenblätter und verschließe sie in einem Schraubglas, damit sie frisch bleiben“, sagte Marlies als beide durch den Garten zum Haus gingen.

 

Unterwegs nahmen sie noch die Auflagen von den Liegestühlen mit, die im Gartenhaus deponiert wurden, denn Donnergrollen war schon zu hören.

Es wird ein richtiges Sommergewitter geben. Hoffentlich mit Regen. Nach tagelanger Trockenheit könnte der Garten Wasser vertragen, dachte Marlies.

 

Sie hatten Tina abgeholt. Jetzt saßen die beiden Mädchen im Pavillon auf Stühlen mit zu Pferdeschwänzen zusammengebundenen Haaren.

 

Marlies, die gerade mit den Haarschneideutensilien dazu kam, hörte Tina sagen: „Ich bin so froh, dass deine Oma uns die Haare jetzt richtig schneidet. Ich hätte sonst gar nicht gewusst, wie ich das meiner Mama sagen sollte. Aber, wenn die nachher schön geschnitten sind, werde ich ihr alles erzählen“.

 

„Ich auch“, sagte Cama.

 

„So, ihr Mädchen, dann wollen wir mal sehen, dass wir das so hinkriegen, dass es bei euch zu hause keine Schimpferei gibt“. Marlies, die ihre kurzen Haare immer selber schnitt, hatte keine Probleme, das Malheur der Mädchen zu korrigieren. Ihr ging das Haare schneiden professionell von der Hand.

„Fertig, ihr Süßen“, sagte sie nach zehn Minuten. „Ihr könnt euch drinnen noch mal im Spiegel ansehen. Ich denke, so gibt es zu hause keine Probleme mehr“.

 

Die Beiden betrachteten sich kurz gegenseitig. Sie hüpften vor Freude, weil sie nun von ihren Müttern so gut wie nichts mehr zu befürchten hatten und liefen die Stufen hoch, um im Haus zu verschwinden.

Marlies packte das Haarschneide Set zusammen und folgte ihnen. Es war lustig anzusehen, wie die Beiden vor den Spiegeln in der Diele hin- und hertanzten. Auch die Kommentare waren hörenswert.

 

„Ich finde es sieht ganz toll aus, mit Pferdeschwanz“.

 

„Ja, und wenn die Haare runterhängen, sieht man gar nichts“.

 

„Aber wenn sie nach hinten fliegen, sieht man ein bisschen, dass drunter kurze Haar sind. Und das finde ich cool“.

 

„Ich auch. Guck, und wenn man Zöpfe macht, kann man die kurzen Haare auch sehen.“

 

„Bestimmt finden unsere Mütter das auch cool“.

 

Typisch Mädchen, dachte Marlies.

 

Draußen grummelte immer noch der Donner. Hier und da zuckte ein Blitz durch die dunklen Wolken, aber es regnete noch nicht.

 

„Tina, magst du auch Apfelpfannkuchen?“, fragte Marlies Camas Freundin.

 

„Sehr gerne“, antwortete Tina.

 

„Gut. Dann könnt ihr Zwei schon mal vier Äpfel schälen und in Spalten schneiden. Ich bereite den Teig vor. Als Mittagessen gibt es nämlich: 

 

 

Apfelpfannkuchen mit Zucker und Zimt

 

Dafür brauchen wir:

225 Gramm Weizenmehl

   6 Gramm Backpulver

   3 Eigelb

   1 Teelöffel Salz

etwas Zucker

   ½ Liter Milch

   3 Eiweiß

Fett zum Backen

 

Für den Belag:

   4 Äpfel

   8 Esslöffel Zucker

   1 Teelöffel Zimt

 

Zucker und Zimt in einer Tasse mischen.

Äpfel schälen und in Spalten schneiden.

Das mit dem Backpulver gemischte Mehl in einer Schüssel mit Salz, Zucker, Eigelb und etwas Mich verrühren.

Nach und nach die übrige Milch dazu geben und darauf achten, dass keine Klumpen entstehen.

Zuletzt das zu steifem Schnee geschlagene Eiweiß darunter heben.

Fett in einer Pfanne zerlassen, eine Teiglage hineingeben, Apfelspalten drauf legen.

Wenn die Unterseite des Pfannkuchens dunkelgelb gebacken ist, ihn mit der Unterseite auf einen großen Teller gleiten lassen.

Die Pfanne über den Teller stülpen.

Pfanne und Teller umdrehen und die Seite mit den Äpfeln goldbraun backen.

Pfannkuchen mit der Apfelseite nach oben auf einen Teller stürzen und noch heiß mit der Zucker-Zimt-Mischung bestreuen.

Für jeden neuen Pfannkuchen muss wieder Fett zerlassen werden.

Die Apfelpfannkuchen können heiß, warm oder kalt gegessen werden.

 

„Mein Bruder wird sich freuen, wenn es heute Mittag Pfannkuchen gibt. Omas Apfelpfannkuchen mit Zucker und Zimt sind nämlich sein Lieblingsessen“, sagte Cama zu Tina, als die Beiden mit Marlies den Tisch im Pavillon deckten.

 

„Wann holen wir denn Niko im Kindergarten ab?“, fragte sie Marlies.

 

„Um 12 Uhr. Wir haben noch gut eine halbe Stunde Zeit und sollten hier im Pavillon bleiben, um den Himmel zu beobachten.“

 

„Und du könntest Tina und mir so lange eine Geschichte erzählen“, bettelte Cama. „Eine, als du so alt warst, wie wir jetzt sind.“

 

„Okay“.

 

Alle Drei setzten sich auf das Mäuerchen des Pavillons und ließen ihre nackten Beine nach draußen baumeln. Jeder hatte ein großes Glas Apfelsaftschorle in der Hand. Überall zuckten Blitze durch die schweren, schwarzen Wolken. Das Donnergrollen war etwas weniger geworden. Dafür hatte ein leichter Sommerregen eingesetzt. Die Luft war immer noch drückend und schwül. Das Mäuerchen, auf dem sie saßen, war überdacht, aber wenn sie die Beine nach vorne streckten wurden sie nass vom Regen. Das war erfrischend in der Hitze.

 

Und so begann Marlies mit der Geschichte.

 

 

Strumpfhose

 

„Es war an meinem achten Geburtstag. Passend zu einem grün – blau – schwarz - karierten Rock hatte ich meine erste Strumpfhose geschenkt bekommen. Sie war Genau so grün, wie das Karo in dem Rock.

Ihr müsst wissen, früher gab es noch keine Strumpfhosen. Man musste Laibchen mit Strumpfbändern und lange Strümpfe anziehen. Die Laibchen waren wie kleine, kurze Westen, gingen gerade bis an die Rippen und wurden direkt auf der Haut getragen.

Vorne und hinten waren jeweils zwei lange Strumpfbänder aus Gummiband angenäht. Die Gummibänder hatten am unteren Ende einen Verschluss, in den die langen Strümpfe am oberen Rand eingeklemmt wurden, damit sie nicht runter rutschen konnten.

Für mich, als Wildfang, war es immer eine Strafe, wenn ich das Laibchen und die langen Strümpfe anziehen musste. Denn so richtig toben, laufen, Rad fahren, klettern und überhaupt spielen, konnte man damit nur sehr eingeschränkt.

Entweder ging ein blöder Strumpfbandverschluss auf, meistens der hintere, und flitschte durch die Unterwäsche nach oben. Dann konnte man nur mit viel Gefummele und Geschick versuchen, dieses Strumpfband zu angeln, um den Strumpf wieder fest zu machen. Oder der Stumpf rutschte bis in die Kniekehlen herunter, wo er sich dann knubbelte und einen dazu zwang, ihn mit einer Hand immer wieder nach oben zu ziehen. Diese Hand fehlte dann aber, um andere Dinge tun zu können.

Der Strumpfbandverschluss trieb gleichzeitig auf dem nackten Rücken sein Unwesen. Er drückte unangenehm, pickte und kratzte. Oder die Strümpfe hatten die Eigenschaft, angezogen durch die Kraft der Erde, zu rutschen. Das war auch ganz fürchterlich und behinderte die Bewegungsfreiheit. Durch das Rutschen wurden nämlich die Strumpfbänder immer länger und zogen an dem Laibchen, das dann so unter Spannung stand, dass es die Haut durchscheuerte und überall zwickte.

Ich empfand es immer als Folter, wenn ich lange Strümpfe und Laibchen anziehen sollte.

 

Um so sehnlicher wünschte ich mir eine der gerade in Mode gekommenen Strumpfhosen. Dieser Wunsch wurde mir zum achten Geburtstag erfüllt.

 

Alle waren zu meinem Ehrentag gekommen. Zwei Omas, zwei Opas, Tanten, Onkel, mein Vetter Alois und natürlich meine Freundin Monika.

 

Die Strumpfhose hatte ich selbstverständlich sofort angezogen. Sie passte hervorragend. Rutschte und zwickte nirgendwo. Ein herrliches Gefühl. Ich war so stolz, dass ich sofort rausgehen und der ganzen Welt meine neue Errungenschaft zeigen wollte.

 

‚Pass auf die Strumpfhose auf’, warnte meine Mutter. ‚Die geht schnell kaputt’.

‚Ehrensache’, antwortete ich und lief mit Monika und Alois nach draußen.

 

Dort spielten die anderen Kinder gerade Räuber und Gendarm. Wir wollten natürlich mitspielen und wurden in die Abteilung Räuber eingeteilt. Ein großer, älterer Junge war unser Gendarm. ‚Oh je’, dachte ich, ‚da muss ich aber ein guter Räuber sein, um dem zu entkommen’.

Als unser Spiel begann, flüchtet ich los. Dass ich die neue Strumpfhose trug, hatte ich inzwischen völlig vergessen. Ich lief durch Sträucher und kletterte über Zäune. Versteckte mich hinter Bäumen und Mauern, den Gendarm, also meinen Verfolger, immer im Blick. Der durfte mich ja nicht erwischen.

Gerade hatte er mich wieder ausgemacht. Ich spurtete los, über eine Straße mit Schlaglöchern und Wasserpfützen, stolperte, fiel hin und ...aus die Maus. Der Gendarm nahm mich fest. Das war schlimm. Aber noch viel schlimmer war, dass meine neue Strumpfhose ein Loch hatte, durch das Blut sickerte und sich mit dem Straßenmatsch vermischte. Alles war dreckig. Schuhe, Strumpfhose, Rock, Jacke und meine Hände, mit denen ich mir die lautlosen Tränen aus dem Gesicht wischte. Was natürlich zur Folge hatte, dass auch mein Gesicht aussah wie aus dem Matsch gezogen. Mittlerweile waren Monika und Alois dazu gekommen, die von weitem das Malheur mit angesehen hatten. Sie bedauerten mich und schlugen vor, nach Hause zu gehen.

 

Der Gendarm verabschiedete sich hilflos von uns. Er hatte ja noch andere Räuber zu fangen.

 

Also gingen wir zurück. Das heißt, die Anderen gingen. Ich humpelte und schluchzte. Monika und Alois trösteten mich so gut sie konnten.

Meine Gedanken waren weniger bei meinem kaputten, blutenden Knie, als bei der zerstörten Strumpfhose. Was würden meine Mutter und die Verwandtschaft sagen? Musste ich nun doch wieder die verhassten langen Strümpfe mit dem Laibchen anziehen? Was hatte die Strumpfhose überhaupt gekostet? Konnte ich mir von meinem wenigen Taschengeld eine neue leisten? Vielleicht würde Mama das Loch stopfen. Aber ein gestopftes Knie wollte ich doch nicht. Es war Alles so fürchterlich. Vor lauter Fragen und Zweifel, die mir durch den Kopf schwirrten, redete ich auf dem ganzen Heimweg fast gar nicht mit den Anderen.

Zu Hause angekommen, waren alle Erwachsenen zunächst fürchterlich erschrocken über mein schmutziges Aussehen. Sie überhäuften mich mit Fragen und Mitleid. Doch meine Mutter hatte die Situation sofort durchschaut. Sie zeigte auf mein Knie und sagte: ‚Da ist ja ein Loch in der Strumpfhose aus dem Blut kommt. Ich glaube, das Knie braucht ein Pflaster.’

Ich heulte sofort wieder los. Nicht vor Schmerzen sondern, weil ich nicht auf meine Mutter gehört und auf die neue Strumpfhose aufgepasst hatte. Vor lauter Scham fühlte ich mich hundeelend.

Doch plötzlich fing ein Erwachsener nach dem Anderen an zu lachen. Monika und Alois schlossen sich an. Ich schaute in die Runde, die Tränen hörten auf, weil ich einfach mitlachen musste, obwohl ich keinen Grund erkennen konnte. Meine Mutter sagte zu mir: ‚Du siehst so lustig aus. Deine Tränen haben den Dreck weggespült. Jetzt ist dein Gesicht voller Streifen. Das sieht so witzig aus, dass wir alle lachen müssen. Komm, wir ziehen dir die schmutzigen Sachen aus, dann wäschst du dich und mit der Strumpfhose, das kriegen wir schon wieder hin.’

Dankbar und zwiespältig lachend schaute ich Mama an.

Am nächsten Tag habe ich dann eine neue Strumpfhose bekommen, die ich aber zum Spielen nicht mehr anziehen durfte“.

 

„Und dein blutendes Knie?“, wollte Cama wissen.

 

Und Tina fragte: „Was wurde denn aus der anderen Strumpfhose, deinem Geburtstaggeschenk?“

 

„Mein Knie bekam ein Pflaster und bei der kaputten Strumpfhose wurde das Loch gestopft. Die konnte ich anziehen, wann immer ich wollte. Das ausgebesserte Knie gefiel mir zwar nicht, aber erstens war ich selber schuld und zweitens war mir eine gestopfte Strumpfhose tausend Mal lieber, als das blöde Folterlaibchen mit den quälenden Strumpfbänder.“

 

Marlies schaute auf die Uhr. „Wir müssen fahren“, sagte sie.

 

Den Regen, der mittlerweile ziemlich stark geworden war, hatte keiner so richtig beachtet. Das Gewitter war weggezogen. Es gab auch keine Blitze mehr zu sehen. Im Gegenteil. Hier und da lugte schon strahlend blauer Himmel durch die vorbeiziehenden, dunklen Wolken. Die schwere Luft war einer angenehmen Frische gewichen.

Die Drei gingen lachend und gestikulierend durch den wunderbaren Sommerregen zum Auto, um Mani im Kindergarten abzuholen.

 

Im sommerlichen Garten pulsierte das Leben. Alle Tiergattungen zogen ihren Nachwuchs groß. Junge Eichhörnchen waren mit ihren Eltern unterwegs. Dicke und kleine Igel konnte man ab und zu sehen. Wühlmäuse trieben ihr Unwesen, in dem sie ganze Parzellen untergruben; Riesenfamilien mussten das sein. Maulwürfe bauten überall ihre Hügel. Junge Amseln, die größer waren als ihre Eltern, hüpften unbeholfen über die Erde. Andere kleine Vögel flogen unsicher von einem Baum zum anderen. Kröten aller Größen versteckten sich im Gras, unter Steinen oder in der Erde. Frösche verschwanden im Teich und tauchten wieder auf. Die Fische hatten so viel Nachwuchs, dass manchmal zwei Fischreiher majestätisch landeten und auf Beute lauerten. Schnecken in allen möglichen Farben mit und ohne Haus, knabberten am liebsten an Marlies’ Kräutern. Leuchtend rote Feuerkäfer hatten sich ihr Domizil an einem Steinhaufen gesucht. Große und kleine Libellen mit ihren wunderbaren, feinen filigranen Flügeln schwirrten durch die Luft. Spinnen mit langen und kurzen Beinen spannten ihre Netze. Lange und kurze Würmer bewegten sich schlängelnd über die Erde und waren plötzlich wieder verschwunden. Ein Wespenvolk baute fleißig an seinem filigranen Nest. Man konnte auch Ameisenvölker beobachten, die unermüdlich arbeiteten und auf ihren Transportstraßen ständig unterwegs waren.

 

Von einer Million Insektenarten lebten bestimmt 500 Arten in Bernd und Marlies’ Garten.

 

Tossi liebte den lebendigen Sommergarten. Überall gab es etwas zu sehen, schnuppern und jagen.

Wenn die Hündin irgendwo eine Amselmutter schimpfen hörte, die das machte um von ihrem Nachwuchs abzulenken, war das für Tossi ein Zeichen, dass eine Katze in der Nähe sein musste. Sie flitzte dann in die Richtung, aus der das Vogelgeschrei kam und stöberte fast immer eine Katze, manchmal war es Peter, Der Nachbarskater, auf und verjagte sie. Anscheinend wollte Tossi damit den Amselmüttern helfen, ihre Jungen zu beschützen. Amseln machten oft zum Schutz ihrer Kinder die verrücktesten Sachen. Sie konnten ihre Flügel so hängen lassen, dass sie wie leichte Beute aussahen. Oder sie hüpften hilflos über die Erde, um die Jäger, die hinter ihren flügge gewordenen Jungen her waren, zu täuschen. Bei diesen Täuschungsmanövern ließen sie sogar zu, dass Tossi in ihre Nähe kam, weil sie anscheinend wussten, dass die Hündin die Verfolger der Jungen vertreiben würde.

Auf ihren Erkundungszügen begegnete Tossi manchmal auch einem Igel, der sich sofort zusammenrollte und seine spitzen Stacheln der vorwitzigen Hundenase präsentierte, was hier und da zu einer schmerzhaften Angelegenheit für die Hündin wurde. Sie versuchte nämlich durch Schubsen mit der Nase, den Igel wie einen Ball fort zu bewegen.

Auch die Wühlmäuse erweckten täglich Tossi’ s Interesse. Sprungbereit, aber wie aus Stein gemeißelt, beobachtete und spürte sie die unterirdischen Bewegungen, um dann im vermeintlich richtigen Moment mit der Schnauze in ein Erdloch zu stoßen, was allerdings immer ohne Jagderfolg blieb. Die Mäuse waren einfach schneller. Für dieses Spiel hatte die Hündin eine erstaunliche Ausdauer entwickelt. Immer wieder versuchte sie vergeblich ihr Glück.

Tossi’ s besonderes Augenmerk lag aber auf den Maulwurfhügeln. Die wurden von ihr laufend inspiziert. Wenn sie merkte, dass Aktivitäten unter der Erde stattfanden, begann sie mit ihren Vorderpfoten intensiv zu graben, um den Weg des Maulwurfs freizulegen. Doch auch hier hatte sie kein Glück und gab jedes Mal nach einiger Zeit wieder auf, weil sie feststellte, dass der schlaue Maulwurf sie in die Irre geführt hatte.

 

„Was gibt es zu essen?“, war Manis erste Frage, als er aus dem Kindergarten kam.

 

„Drei Mal darfst du raten“, antwortete seine Schwester.

 

„Spaghetti?“

 

„Falsch“.

 

„Kartoffelsalat?“

 

„Nein, dein Lieblingsessen“, gab Cama ihm als Tipp.

 

„Apfelpfannkuchen?“

 

„Genau! Mit Zucker und Zimt“.

 

„Hm, lecker“, sagte Mani und rannte los. „Wer zuerst am Auto ist“, rief er Cama und Tina zu, als er schon einen Vorsprung hatte.

Die Beiden spurteten ebenfalls los.

 

Es hatte aufgehört zu regnen. Die Wolken waren verschwunden. Der azurblaue Himmel ließ die Sonne strahlen. Herunter gelassene Autofenster gestatteten der herrlich, weichen und warmen Sommerluft, auf der Heimfahrt durch das Innere des Autos zu streichen.

Mani hatte ein neues Lied im Kindergarten gelernt. Er sang es an. Die Mädchen und Marlies kannten das Lied, stimmten mit ein. Und so fuhren sie fröhlich singend nach Hause, um Apfelpfannkuchen zu essen.

 

Nach dem Essen spielten die Kinder mit Tossi im Garten, während Marlies in der Küche aus den Ringelblumenblütenblättern Salbe herstellte.

Alle Türen und Fenster waren geöffnet. Ein lauer Sommerwind strich angenehm durch den Raum, so dass das Arbeiten Spaß machte.

 

Habe ich auch die guten, hautfreundlichen Öle mit viel Vitamin E vorrätig?, fragte sich Marlies, als sie das Rezept aus ihrer Küchenbibliothek holte. Sie schaute in ihrem Vorratsschrank nach und stellte fest, dass sie noch reichlich Öl von jeder Sorte hatte.

 

 

Ringelblumensalbe

 

Zutaten:

 

50 Gramm Olivenöl

50 Gramm Sojaöl

50 Gramm Sonnenblumenöl

50 Gramm Sesamöl

20 Gramm reines Bienenwachs

20 Gramm Lanolin

40 Gramm frische Blütenblätter (oder 20 Gramm getrocknete)

 

Zubereitung:

 

Die Blütenblätter in einem Kochtopf mit dem gemischten Öl bei 70 Grad eine Stunde auf dem Herd ausziehen lassen.

Zwischendurch immer wieder mit einem Löffel umrühren.

Anschließend durch ein feines Sieb in einen anderen Topf gießen. Nicht mehr auf die Herdplatte stellen.

Bienenwachs und Lanolin unter Rühren schmelzen lassen.

Die noch flüssige, warme Creme in Tiegel füllen.

Mit einem Küchentuch bis zur vollständigen Erkaltung abdecken.

Anschließend die Tiegel mit Deckel verschließen.

 

 

„Oma, Oma, komm schnell. Da hinten ist ein Frosch gefangen“. Atemlos war Mani in der Küche erschienen.

 

„Wo, da hinten?“, fragte Marlies.

 

„In dem Loch an der Pumpe. Jetzt komm schon“. Er packte Oma an die Hand und zog sie mit sich.

 

An der Pumpe gab es einen Versorgungsschacht, der zwar mit einem engmaschigen Gitter abgedeckt war, aber irgendwie schaffte es immer wieder ein Frosch oder eine Kröte, durch diese schmalen Ritzen in den Schacht zu gelangen. Dann saßen sie fest, kamen nicht mehr alleine heraus und mussten gerettet werden.

 

„Wie habt ihr denn gemerkt, dass da ein Frosch drin ist?“, wollte Marlies wissen.

 

„Wegen Tossi“, antwortete Mani. Die hat vor dem Gitter gestanden und in das Loch geguckt. Dann hat sie Sitz gemacht und ihre Ohren und der Kopf gingen die ganze Zeit hin und her. Dann habe ich mich auf den Bauch gelegt und durch das Gitter in das Loch geguckt. Und da konnte ich den Frosch sehen, der immer von einer Seite zur anderen hüpfte. Du musst den rausholen“.

 

So eine lange Rede hielt Mani nicht so häufig. Das unterstrich, wie wichtig ihm die Angelegenheit war.

 

Schon von weitem sah Marlies die beiden Mädchen bäuchlings auf der Erde liegen und den Frosch im Pumpenschacht beobachten. Tossi lag zwischen ihnen mit dem Kopf auf dem Gitter. Es sah aus, als wollte sie das unter ihr zappelnde Tier beschützen.

 

„Nimm die Kehrschaufel aus dem Gartenhaus mit“, sagte Oma zu Mani „Damit kann ich den Frosch befreien.“

 

Mit der Schaufel in der Hand lief er zu Cama, Tina und Tossi. „Hiermit rettet Oma den Frosch“, verkündete er schon von weitem.

Tossi kam schwanzwedelnd auf Marlies zu. So, als wollte sie ihr etwas mitteilen. Marlies tätschelte den Rücken der Hündin und lobte sie. Dankbar sah Tossi ihr Frauchen an.

Am Pumpenschacht angekommen, entfernte Marlies das Schutzgitter. Alle betrachteten sie den Frosch, der von unten mit großen Augen herauf blickte und erstaunt von Einem zum Anderen sah.

 

„Oma rettet dich jetzt. Du brauchst keine Angst mehr zu haben“, sagte Mani teilnahmsvoll zu dem Frosch.

 

Marlies stieg mit der Schaufel in den achtzig Zentimeter tiefen Schacht und redete mit leiser, ruhiger Stimme auf das Tier ein. Aber immer, wenn sie die Schaufel hinhielt, hüpfte der Frosch weg. Mal in die eine, dann in die andere Richtung oder sprang hoch, so dass er fast Marlies’ Nase berührte.

Die Kinder lachten sich halbtot und Tossi schaute jedes Mal verduzt, wenn der Frosch einen Luftsprung machte.

Auch Oma musste lachen.

 

„So geht das nicht“, stellte sie nach einiger Zeit erfolglosen Hantierens fest.

 

Mani, der alles Genau beobachtet hatte, schlug vor: „Du musst ihn in eine Ecke drängen und mit der Hand auf die Schaufel setzen. Dann festhalten und auf die Wiese heben“.

 

„Igitt“, sagte Cama. „Würdest du den Frosch denn anfassen?“, fragte sie ihren kleinen Bruder.

 

„Weiß nicht“, antwortete der kleinlaut. „Aber wie soll das arme Tier denn sonst da raus kommen?“

 

„Du hast Recht“, sagte Oma zu Mani. Entschlossen bückte sie sich, streckte ihren Arm Richtung Frosch aus, der sie ängstlich ansah und anscheinend merkte, was passieren sollte. Als ihre Hand schon ziemlich nah war, machte er mit der Kraft seiner muskulösen Hinterschenkel einen Sprung und landete hinter Oma auf der anderen Seite. Die Kinder grölten vor Freude.

 

„Was macht ihr denn da?“, fragte Bernd lachend, der schon von weitem die Szenerie beobachtet hatte.

 

„Oma will einen Frosch fangen, der in das Loch gefallen ist. Aber sie schafft es nicht. Der ist nämlich ganz schön schlau und hüpft immer weg“, antwortete Mani.

 

„Also, passt mal auf, das machen wir ganz anders“, sagte Opa.

 

„Wie denn?“, wollte Mani wissen während Oma aus dem Schacht kletterte.

 

„Ich zeige es euch“. Bernd ging weg und kam mit einem Staubsauger wieder. „Den schließe ich jetzt dort neben der Pumpe an die Steckdose an, damit er saugen kann. Dann stecke ich die ganz schmale Düse auf das Rohr. Ich brauche gar nicht in den Schacht zu steigen, sondern halte von hier oben die Düse auf den Rücken des Frosches. Weil der Staubsauger saugt, bleibt der Frosch hängen. Dann ziehe ich das Rohr samt Frosch nach oben, halte es über das Gras und mache den Staubsauger wieder aus. Ihr werdet feststellen, dass das Tierchen unbeschadet davon läuft“.

 

„Tut das denn nicht weh?“ Mani sah seinen Opa zweifelnd an.

 

„Nein, das tut nicht weh“. Opa hatte den Staubsauger mittlerweile eingeschaltet und die schmale Düse auf das Rohr gesteckt. „Halte mal deinen Handrücken vor den Schlitz der Düse“, sagte er zu seinem Enkel.

Der, immer noch skeptisch, tat was Opa sagte. „Na, tut es weh?“

 

„Nein, überhaupt nicht.“

 

Die beiden Mädchen folgten seinem Beispiel.

 

„Es kitzelt etwas“, fand Cama.

 

Und Tina sagte: „Der Frosch ist bestimmt froh, wenn er wieder hier oben ist. Vielleicht hat er ja ein bisschen Angst vor dem Staubsauger. Aber die ist bestimmt nicht so groß, wie die, nicht mehr aus dem Loch zu kommen“.

 

Bernd hielt das Rohr mit der Düse in den Schacht, Genau über den Rücken des Frosches. Der merkte anscheinend gar nicht, welches Ungetüm von oben auf ihn zukam. Es ging alles blitzschnell. Der Frosch hing an dem Schlitz. Opa beförderte das Rohr in die Wiese, machte den Staubsauger aus und der Frosch war im Gras verschwunden.

 

„Toll“, riefen die Kinder begeistert.

 

„Vielleicht war das ja auch ein Froschkönig, wie im Märchen“, überlegte Cama laut.

 

„Ja, und du hättest ihn geküsst“, sagte Tina zu ihrer Freundin.

„Dann würde jetzt ein Prinz hier stehen und wüsste nicht, für welches schöne Mädchen er sich entscheiden sollte“. Marlies sah die beiden Mädchen lachend an.

 

„Ist das eine Geschichte?’“, wollte Mani wissen.

 

„Kennst du nicht die Geschichte vom Froschkönig?“

 

Alle sahen ihn fragend an.

 

„Nein“, sagte dieser. „Erzählt sie mir“.

 

„Okay, wir setzen uns ins Gras und erzählen dir gemeinsam das Märchen. Vielleicht kommt dann der gerettete Frosch einmal vorbei.“

 

Bernd nahm den Staubsauger und sagte: „Komm Tossi“.

Freudig lief die Hündin neben ihrem Herrchen her. Sie wusste, dass nun eine ihrer geliebten Autofahrten stattfinden würde.

 

Marlies und die Kinder hockten, legten und setzten sich ins Gras und Mani hörte zum ersten Mal die Geschichte vom Froschkönig.

 

4.

 

„Ich habe mein Sportabzeichen geschafft“, rief Maju schon von weitem, als er mit seinem Fahrrad angefahren kam.

 

Marlies, die gerade auf der Bank vor dem Haus saß und den betörenden Geruch ihres Kräutergartens genoss, stand auf und ging ihrem Enkel entgegen, um ihn zu umarmen.

 

„Hey, das ist ja prima“, sagte sie, gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange und streichelte liebevoll über seinen Kopf. „Erzähl“, forderte sie ihn auf.

 

Beide setzten sich auf die Bank und Maju erzählte.

 

„Nur noch eine Disziplin musste ich machen. Laufen. Achthundert Meter in vier Minuten und dreißig Sekunden. Zwei Runden auf dem Sportplatz. Ich hatte zwar mit Papa trainiert, doch nach dem Start dachte ich, ich würde es nicht schaffen. Aber es war gar kein Problem. Ich hätte noch viel länger laufen können.“

 

„Echt?“, fragte Oma bewundernd.

 

„Ja, ehrlich“, sagte Maju stolz. „Ich habe auch weniger Zeit gebraucht, als ich musste. Fast eine Minute weniger. Weißt du Oma, wenn man einmal am Laufen ist und seinen Rhythmus gefunden hat, dann kann man immer weiter laufen. So lange, bis man keine Puste mehr hat“.

 

„Interessant“, bemerkte Marlies.

 

„Das habe ich von meinem Papa gelernt. Der sagt immer, egal wie weit man laufen will, man muss seine Kraft einteilen. Wenn man anfangs zu schnell beginnt, hat man nachher keine Kraft mehr“.

 

„Das klingt logisch“. Oma sah ihren Enkel bestätigend an.

 

„Und so habe ich das dann auch gemacht. Zuerst wollte ich ganz schnell los laufen. Dann ist mir das mit der Kraft eingefallen und durch das Training wusste ich ja auch, wie ich die Strecke laufen musste, um in der vorgegebenen Zeit zu bleiben. Na ja, und dann bin ich eben wie im Training gelaufen und habe es locker geschafft“.

 

„Wunderbar“, sagte Oma und klopfte Maju anerkennend auf den Rücken. „Das ist in jedem Fall eine Belohnung wert. Du darfst dir was wünschen“.

 

Wie aus der Pistole geschossen sagte der Leckerschmecker: „Ich wünsche mit zum Kaffee Blätterteigteilchen mit Erdbeermarmelade und sonst noch eine neue Fahrradklingel. Meine ist nämlich kaputt“.

 

Marlies’ Enkel wussten, dass sie bei besonderen Leistungen immer eine Belohnung bekamen. Deshalb hatte Maju sich vorher bereits überlegt, was er haben wollte und konnte seine Wünsche sofort äußern.

 

„Gut“, sagte Oma. „Ich gebe dir Geld für die Klingel. Die kannst du dann sofort im Fahrradladen kaufen fahren. In der Zwischenzeit mache ich die Kaffeeteilchen“.

 

„Danke“, sagte Maju und gab seiner Oma einen Kuss.

Nachdem er das Geld eingesteckt hatte, verschwand er mit seinem Fahrrad, um die Klingel zu kaufen.

 

Marlies stellte den Backofen an und holte den tiefgefrorenen Blätterteig aus der Tiefkühltruhe. Es war denkbar einfach, diese Kaffeeteilchen zu machen und ging außerdem ganz schnell. Sie würden bereits fertig sein, wenn Maju mit seiner neuen Fahrradklingel zurück kam.

Blätterteig-Kaffeeteilchen

 

4 tiefgefrorene Blätterteigscheiben, 10 x 10 cm

Erdbeermarmelade

Puderzucker

 

Den Backofen auf 200 Grad vorheizen.

In der Zwischenzeit den Blätterteig auftauen lassen.

Auf die Mitte jeder Scheibe einen gehäuften Teelöffel Erdbeermarmelade geben

(Varianten: jede andere Marmelade, oder frische Früchte)

Zwei gegenüberliegende Ecken einer Blätterteigscheibe hochheben, zusammendrücken und etwas einrollen.

Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben und 15 Minuten bei 200 Grad backen.

Anschließend auf einem Kuchendraht auskühlen lasse und durch ein Teesieb mit Puderzucker bestäuben.

 

Marlies ging in den Keller und holte ein Glas selbst gemachte Erdbeermarmelade. Dicke Erdbeerstücke hatte die Marmelade. Die Kinder mochten sie so am liebsten.

Als jede Blätterteigscheibe mit einem gehäuften Teelöffel Marmelade belegt, die gegenüberliegenden Ecken zusammengedrückt und etwas eingerollt waren, schob sie das Blech in den Backofen. Die Zeituhr stellte sie auf fünfzehn Minuten und setzte sich auf die Terrasse, die direkt an der Küche und nicht vom Garten aus einsehbar war.

Diese Terrasse hatte sie nach ihrer eigenen Vorstellung gestaltet. Es gab zwei Ebenen, die durch eine Stufe miteinander verbunden waren und an die gesamte Rückfront des Hauses angrenzten. Kieselsteine bildeten den Boden; dazwischen Pflastersteine als Fußweg.

Auf der oberen Ebene waren Holzdielen auf die Kieselsteine verlegt worden. Hier war die Sitzecke.

In der unteren Ebene befand sich ein kleiner Küchenkräutergarten zwischen den Kieselsteinen. Leuchtend rote Geranien standen vereinzelt herum und knallgelbe Kunstobjekte, die Marlies extra für diesen Teil ihres Reiches aus Gasbetonsteinen gemacht hatte, rundeten das Terrassenbild ab.

An das eine Ende der Terrasse grenzte der weiße Kieselsteinteich mit dem Marmorbrunnen, den sie selbst aus Carrara-Marmor gearbeitet hatte und der immer lustig vor sich hin plätscherte. Von hier aus ging ein Weg um die Hausecke in den großen Garten.

 

Gerade als Marlies sich hingesetzt hatte, kam Maju mit seinem Fahrrad um die Ecke gefahren und klingelte, was das Zeug hielt, mit seiner neuen Fahrradklingel.

 

„Jetzt kannst du aber jeden aus dem Weg klingeln, so laut ist die“, sagte Oma lachend.

 

„Sind die Teilchen fertig?“, entgegnete Maju und ließ das Rad auf den Weg fallen.

 

„Fast. Wenn die Zeituhr sich meldet, sind sie fertig. Aber dann müssen sie noch abkühlen“.

 

„Sind auch Erdbeerstückchen drin?“

 

„Natürlich. Komm, setz dich zu mir und erzähle mir noch etwas über dein Sportabzeichen“, forderte Oma ihren Enkel auf.

 

„Okay, was willst du denn wissen?“

 

„Alles. Welche Disziplinen hast du gemacht? In welcher Zeit? Kenne ich noch andere Kinder, die mitgemacht haben? Hast du vorher trainiert? Und wenn ja, mit wem? Und so weiter und so weiter“.

 

Maju sah seine Oma an, überlegte kurz und erzählte dann.

„Das Sportabzeichen kann jeder machen. Du willst es doch auch machen, oder?“

 

„Ich hatte mal darüber nachgedacht, weil ihr Alle mich verrückt gemacht habt. Aber nein, ich mache es nicht“, sagte Oma mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel ließ.

 

„Na gut“, war Maju’ s Kommentar. „Jedenfalls hat Opa Otto uns Alle angemeldet.

 

„Wen, Alle?“

 

„Mich, Timo, Carola, Markus, Heidi und sich selbst. Die Erwachsenen müssen mehr machen als Kinder und Jugendliche. Wir haben auch nicht alle zusammen die Disziplinen gemacht. Opa Otto wusste immer, wann so ein Sportmensch auf dem Sportplatz war, der die Zeiten abnehmen durfte. Dann konnte hingehen, wer wollte und das machen, was er konnte“.

 

„Ach, das ist ja toll. Man muss nicht an einem bestimmten Termin alles machen?“, fragte Oma.

 

„Nein. Auch, wenn es beim ersten Mal nicht klappt, wie bei mir das Laufen, dann darf man es noch mal machen“.

 

Warum hat denn das Laufen beim ersten Mal nicht geklappt?“

 

Ich war zu langsam. Dann hat Papa mit mir oft trainiert, damit ich schneller wurde und mehr Kondition bekam. Und deshalb bin ich jetzt eine super Zeit gelaufen“.

 

„Na siehst du, dann hat sich das Training ja gelohnt“.

Der Herd klingelte. Marlies ging in die Küche, nahm das Blech aus dem Backofen, legte die goldbraunen, heißen Kaffeeteilchen zum Abkühlen auf ein Kuchengitter und setzt sich dann wieder zu Maju auf die Terrasse.

 

„Weißt du Oma, ich werde jetzt öfter mitlaufen, wenn Papa joggen geht, damit ich nächstes Jahr sofort beim ersten Mal eine gute Zeit laufen kann“.

 

„Das ist ein guter Vorsatz“, bestätigte Marlies. „Aber jetzt sag mir mal, was du sonst noch alles für das Sportabzeichen gemacht hast“.

 

„Weitsprung, Werfen, 50-Meter-Lauf und Schwimmen. Insgesamt fünf Disziplinen. Bis auf den 800-Meter-Lauf habe ich alle beim ersten Mal geschafft. Der Timo übt immer noch Werfen. Er kriegt einfach die zweiundzwanzig Meter nicht hin und ist schon total genervt“.

 

„Opa Bernd war doch früher Handballer. Bring Timo einfach mal mit. Opa kann ihm bestimmt eine Werftechnik beibringen, damit er die Weite schafft“, schlug Marlies vor.

 

„Das ist aber wirklich eine gute Idee. Timo wird sich freuen, wenn ich ihm das sage. Sind die Blätterteigteilchen jetzt abgekühlt?“

 

„Bestimmt“, sagte Marlies. „Komm, wir bestäuben sie noch mit Puderzucker. Dann können wir sie essen“.

„Und wie weit musstest du springen?“, wollte Oma wissen, als die Beiden sich kauend auf der Terrasse wieder gegenüber saßen.

 

„Drei Meter zehn. Wie viel Teilchen darf ich essen?“ Maju sah seine Oma fragend an.

 

„Zwei sind für dich, eins für mich und eins verwahren wir für Opa“.

 

„Danke. Die sind so lecker, dass ich zehn essen könnte“, sagte Maju.

 

„Ich weiß, aber dann müsstest du mindestens das Doppelte, also eintausendsechshundert Meter, laufen, um das Gegessene wieder abzuarbeiten. Findest du das erstrebenswert?“. Oma blickte Maju fragend an.

 

„Nein, aber wenn etwas so gut schmeckt, könnte ich immer weiter essen“.

Kalorien

 

Maju war ein richtiger Genussmensch. Marlies hatte noch nie gehört, dass er etwas Essbares ablehnte.

 

„Na ja“, sagte er, herzhaft in sein Teilchen beißend. „Eigentlich mag ich ja auch Alles. Manches schmeckt mir aber besser als Anderes. Und davon könnte ich dann Berge verputzen“

 

„Genau da ist die Gefahr, dick, fett und schwabbelig zu werden. Willst du das?“

 

„Nein, natürlich nicht“. Kauend sah er seine Oma mit großen Augen an. „Aber was soll ich denn machen?“

 

Das ist eigentlich ganz einfach. Wenn du viel isst, musst du dich viel bewegen. Ich meine sportlich. Damit dein Körper das Fett wieder verbrennen kann, was sonst an dir rumschwabbeln würde. Also, wenn du jeden Tag viel isst, musst du jeden Tag viel Sport machen“.

 

„Ich will aber nicht jeden Tag viel Sport machen“.

 

„Das habe ich mir gedacht. Also, was wäre dann die Konsequenz?“

 

„Nicht so viel zu essen“.

 

„Genau. Wenn du das richtig verstanden hast, kannst du das auch umsetzen“.

 

Maju überlegte. Dann sagte er: „Aber es gibt doch auch Sachen, die gesund sind und nicht dick machen“.

 

„So kann man das nicht sagen. Natürlich ist Obst, Gemüse und Getreide gesund, weil es den Körper mit wichtigen Mineralien und Vitaminen versorgt. Viel trinken ist auch gesund. Aber nicht, wenn man nur Cola und Limo trinkt. Ich kann dir das am Besten in Kalorien erklären. Übrigens sind auf Verpackungen und Flaschen immer die Kalorien aufgedruckt. Moment, ich hole mal ein paar Beispiele“.

 

Marlies ging in die Küche und kam mit einer Flasche Limonade und einer Flasche Mineralwasser zurück.

 

„Schau, da stehen die Kalorien. Die Abkürzung ist kcal“.

 

Maju nahm die Flaschen und stellte fest, dass ein Liter Limonade vierhundert Kalorien hatte.

 

„Wie viel Kalorien brauche ich denn jeden Tag?“, wollte er wissen.

 

„Brauchen, ist das richtige Fragewort, mein Schatz“, sagte Oma. „Um das Gewicht zu halten, was du jetzt hast, rechnet man das Gewicht mal achtundzwanzig. Was wiegst du?“

 

„Zweiundfünfzig Kilogramm“, antwortete er und rechnete schnell im Kopf aus, dass er eintausendvierhundertsechsundfünfzig Kalorien täglich zu sich nehmen konnte, ohne zu oder ab zu nehmen.

 

„Jeder Mensch braucht anderthalb Liter Flüssigkeit am Tag“, konstatierte Marlies weiter. „Wenn du anderthalb Liter Limonade täglich trinkst, das wären sechs Gläser, hast du wie viel Kalorien zu die genommen?“

 

„Sechshundert“.

„Die ziehen wir von den eintausendvierhundertsechsundfünfzig ab.

Wie viel bleiben übrig?“

 

„Achthundertsechsundfünfzig“.

 

„So ist es. Eine Tafel Schokolade hat sechshundert Kalorien“. Oma schaute Maju herausfordernd an.

 

„Du willst mir damit sagen, dass ich, wenn ich eine Tafel Schokolade esse und sechs Gläser Limo trinke, sonst nichts mehr essen und trinken dürfte“.

 

„So ungefähr. Guck mal auf die Mineralwasserflasche“.

 

„Hier stehen keine Kalorien.“

 

„Siehst du. Wasser hat nämlich null Kalorien.“

 

Maju dachte nach. „Das heißt, ich könnte 6 Gläser Wasser trinken und zwei Tafeln Schokolade essen.“

 

Oma sah ihren Enkel entsetzt an. „Rein rechnerisch hast du Recht“,

 

„aber das wäre ungesund“, ergänzte Maju den Satz.

 

„Genau. Nicht das Wasser, aber die Schokolade. Du hättest deinen Tageskalorienbedarf gedeckt, aber nichts Gesundes gegessen. Das kann doch nur falsch sein, oder?“

 

„Ja. Ich glaube, dass ich verstanden habe, was du mir sagen willst“, sagte er nachdenklich.

 

„Dann erkläre es mir“, forderte Oma ihn auf.

 

„Je mehr ich esse, um so mehr Kalorien nehme ich zu mir, um so dicker werde ich, wenn ich nicht immer Sport mache“.

 

„Das hast du ganz hervorragend zusammen gefasst“.

Marlies sah Maju anerkennend an.

 

„Okay, Oma, ich habe es verstanden. Aber wie geht das in Wirklichkeit, wenn ich gerne weiter essen möchte?“

 

„Das ist ganz einfach. Du musst es nur wollen. Was man etwas ganz fest will, kann man auch umsetzen. Bevor du anfängst zu essen, nimmst du dir zum Beispiel vor, wie viel du essen willst. Das isst du dann schön langsam und kaust etwas länger, was übrigens auch gesünder ist, als größere Stücke herunter zu schlucken. So ziehst du den Essensprozess hinaus, kannst jeden Bissen genießen und problemlos weniger essen, als du es sonst tun würdest.“

 

Maju hatte konzentriert zugehört. Marlies konnte ihm ansehen, dass er intensiv nachdachte. Dann sagte er: „Außerdem, trinke ich gerne Wasser. Wenn ich nur ganz selten mal Limonade trinke und sonst immer Wasser, nützt das ja auch schon viel.“

 

„So ist es. Aber ich muss noch was zum Essen sagen. Kartoffeln haben viel weniger Kalorien als Reis und Nudeln. Wenn du also die Wahl hast, entscheide dich für Kartoffeln. Davon ein paar mit viel Gemüse oder Salat, dann hast du viele Kalorien eingespart.“

 

„Wie viele?“, wollte er wissen.

Oma stand auf, ging in die Küche, um ein Buch zu holen, aus dem man alle Kalorien erfahren konnte.

 

„Guck, hier in dem Buch sind Tabellen. Man kann sich die Kalorien für alles Essbare heraussuchen. Die aufgeführten Kalorien gelten immer für einhundert Gramm“.

Sie gab Maju das Buch.

 

Der schaute nach und las laut vor: „Kartoffeln fünfundachtzig, Eiernudeln

dreihundertachtundfünfzig, Reis einhundertzweiundzwanzig Kalorien. Jetzt gucke ich bei den süßen Sachen. Also, ich weiß, dass Schokolade sechshundert Kalorien hat. Wie viele sind dann in Eiscreme? Ach ja, hier steht es. Einhundertsechsundsechzig Kalorien und Frucht Eis hat noch weniger, nämlich einhundertvierunddreißig. Aber hier, Eiskonfekt, das ist Vanilleeis mit Schokolade überzogen, hat sogar fünfhundertzweiundvierzig. Und hier Gummibärchen dreihundertdreißig, Marzipan vierhunderteinundachtzig und Lakritze dreihundertneunzig. Wie viele Kalorien darf ich denn essen, um abzunehmen?“

 

„Dreihundert weniger, als dein Körper normal braucht.“

 

Das wären dann 1.156“, rechnete Maju schnell aus. „Das ist aber wenig“.

 

„So ist es. Das trifft aber nur dann zu, wenn du dich nicht bewegst. Jede Bewegung verbraucht auch Kalorien. Also Sport, Rad fahren, spielen und so weiter. Wenn du allerdings den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, dich quasi nicht bewegst, dürftest du nur 1.156 Kalorien verzehren, um trotzdem abzunehmen.“ Marlies sah Maju, dessen Gedanken Purzelbäume schlugen, lächelnd an.

 

„Jetzt muss ich noch mal nach Kartoffelchips gucken“, sagte der und schaute in den Tabellen nach. „Au weia. Eine Tüte Chips hat 1.003 Kalorien“. Entsetzt schaute er seine Oma an.

 

„Tja, so ist das“, sagte Marlies. „Was hast du denn aus unserem Gespräch gelernt?“, wollte sie wissen.

 

„Ich glaube, ganz viel. Aber weißt du was Oma?“

 

„Was denn?“

 

„Kannst du mir das Buch mal leihen. Dann schreibe ich mir heraus, was ich immer so alles esse. Und dann streiche und reduziere ich so lange, bis ich auf 1.456 Kalorien komme. Und dann bewege ich mich jeden Tag für dreihundert Kalorien. Und dann müsste ich doch in einem Monat etwas abgenommen haben“.

 

„Aber nur, wenn du das konsequent durchhältst. Bestimmt hast du dich in einem Monat auch an deine neue Essensweise gewöhnt. Dann wird dir schleierhaft sein, wieso du vorher anders gegessen hast. Glaube mir, mein Moppel, es wird funktionieren. Selbstverständlich kannst du mich jederzeit fragen, wenn dir etwas unklar ist. Allerdings glaube ich, dass du das Prinzip verstanden hast, oder?“

 

„Ja, total. Ich will das auch machen. Und du hast gesagt, wenn man etwas ganz fest will, dann klappt das auch“:

 

„Genau so ist es. Aber weißt du was? Du könntest dich noch im Internet informieren, wie viele Kalorien bei welchen Tätigkeiten verbraucht werden. Dann weißt du Bescheid, was du jeden Tag für dreihundert Kalorien machen musst“.

 

„Was soll ich denn eingeben?“

 

„Du meinst in die Suchmaschine?“

 

„Ja“.

 

„Versuch es mit ‚Kalorienverbrauch’“.

 

„Können wir das nicht zusammen machen?“

„Doch. Und zwar im Pavillon“.

 

„Da ist doch kein Computer und schon gar kein Internetanschluss“.

 

„Das stimmt. Aber Opa hat mir vor Kurzem einen

D – Lan - Anschluss geschenkt. Damit komme ich an jeder Steckdose im Haus und auch im Garten mit meinem Laptop ins Internet“.

 

„Dann können wir das ja jetzt gleich machen“.

 

„Das tun wir auch. Ich hole den Laptop. Nimm du einen Schreibblock und einen Bleistift mit. Wir treffen uns dann im Pavillon“.

 

Marlies ging in ihr Büro im Dachgeschoss, packte den Laptop samt Stromkabel, D - Lan – Kabel, Mouse und Mousepad in die Computertasche und war noch vor Maju im Pavillon. Als sie alles angeschlossen hatte, kam ihr Enkel mit dem Kalorienbuch, den Schreibutensilien und zwei Gläsern Wasser.

 

„Eigentlich wollte ich uns Orangensaft mitbringen“, sagte er. „Aber dann habe ich auf die Flasche geguckt und gelesen, dass ein Glas auch fast einhundert Kalorien hat. Da habe ich lieber Wasser genommen“.

 

„Das war sehr gut. Du lernst ganz schön schnell“, sagte Oma anerkennend.

 

Beide setzten sich von den eingeschalteten Computer. Marlies stellte die Internetverbindung her. Maju staunte, wie reibungslos und schnell das im Garten funktionierte.

„Also, ich gebe jetzt mal ‚Kalorienverbrauch’ ein“, sagte er und tippte das Wort in die Suchmaschine.

Über 200.000 Vorschläge wurden zu diesem Thema angeboten. Maju, der schnell den Überblick hatte, klickte einen Fittrechner an. Alter, Größe, Gewicht und Geschlecht mussten eingegeben werden. Mit diesen Angaben wurde der Grundumsatz an Kalorien errechnet. Der Computer kam ziemlich Genau auf das Ergebnis, das Maju vorher durch die Angaben seiner Oma errechnet hatte Um den Kalorienverbrauch heraus zu bekommen, gab es Vorschläge für alle denkbaren Tätigkeiten. Er entschied sich zuerst für normales Seilchen springen und gab dafür zehn Minuten ein. Sofort erschienen dreiundachtzig Kalorien als Verbrauch. Dann suchte er nach Joggen. Dreißig Minuten gleich zweihundertachtzehn Kalorien. Als Nächstes kam Fahrrad fahren. Zwanzig Minuten gleich einhundertsechsundsechzig Kalorien.

Auf dem Bildschirm hatte sich eine Tabelle aufgebaut, die die eingegebenen Aktivitäten mit ihrem Kalorienverbrauch aufführte und sogar das Gesamtergebnis anzeigte.

 

„Mensch, Oma, nur die drei Sachen sind schon fast fünfhundert Kalorien. Guck, das ist super toll. Ich such’ mir jetzt noch ganz viele andere Möglichkeiten heraus. Dann kann ich mir für jeden Tag etwas anderes auswählen“.

 

Maju beschäftigte sich weiter mit dem Fittrechner. Er gab die Aktivitäten ein, die für ihn in Frage kamen. Ökonomisch, wie er denken konnte variierte er mit den Zeiteingaben. Im war schnell klar, dass der Computer mehr Kalorienverbrauch errechnete, wenn er eine längere Zeiteinheit eintippte. Folglich gab er wenige Minuten bei ungeliebten Tätigkeiten. Bei Rad fahren, Inline-Skating, Skatroller und Seilchen springen erhöhte er die Zeit auf jeweils sechzig Minuten. Auch die regelmäßig wieder kehrenden Dinge, wie einmal wöchentlich Judo und zweimal Schulturnen, bei dem zur Zeit Volleyball und Basketball gespielt wurde, notierte er gewissenhaft. Nach einiger Zeit hatte er eine Bildschirmseite voll geschrieben.

 

„Also Oma, wenn ich das jetzt so sortiere, dass jeden Tag dreihundert Kalorien rauskommen, müsste ich doch etwas abnehmen“.

 

Marlies sah sich die beschriebene Seite an und war erstaunt, was ihr Enkel alles herausgefunden hatte.

„Ja, richtig. Aber dagegen steht natürlich das, was du isst“, sagte sie.

 

„Ich weiß. Das will ich ja noch aufschreiben. Das könnte ich doch auch in den Laptop eingeben“.

 

„Die Idee ist gut. Am besten in eine Excel – Tabelle, dann wird nämlich auch direkt alles ausgerechnet“, schlug Marlies vor.

 

„Zeigst du mir das?“, bat ihr Enkel.

 

„Klar. Es ist ganz einfach“. Marlies öffnete ein Excel – Blatt und wies Maju ein. „Schau, hier oben steht das Alphabet nebeneinander. A, B, C und so weiter. Das bezeichnet die senkrechten Spalten. Hier links stehen Zahlen untereinander, beginnend mit 1. Das sind die Zeilen. Die erste Zeile lässt du frei für Überschriften.

Jetzt gibst du in A 2 den Text ein. Zum Beispiel ‚Kartoffelchips’.

In B 2 tippst du die Menge, die du essen willst, also sagen wir eine 50 für 50 Gramm.

In C 2 schreibst du die Kalorienzahl für 100 Gramm. Bei Kartoffelchips sind das fünfhundertdreiundsiebzig.

Dann machen wir in D 2 eine Formel. Und schon berechnet Excel in dieser Spalte die Kalorien, wenn du in der Spalte B die Mengenzahl eingibst. Hast du vielleicht eine Vorstellung, wie die Formel heißen könnte?“

 

Maju schaute sich die Tabelle Genau an. „Ich muss die 100 Gramm-Kalorienzahl, also C 2 durch einhundert eilen und dann mit B 2 malnehmen“.

 

„Okay. Jede Formel beginnt mit dem Gleich-Zeichen. Für Dividieren nimmt man den Schrägstrich über der sieben auf der Tastatur. Für Multiplizieren, rechts den Stern über dem Plus-Zeichen. Jetzt geh mit dem Cursor auf D 2. Klicken. Okay. Dann klickst du oben in der Werkzeugleiste das Gleich-Zeichen an und gibst daneben die Formel ein. Anschließend drückst du ‚Enter’ und schon steht die Formel in D 2.

 

Maju folgte den Anweisungen seiner Oma, schrieb die Formel: =C2/100*B2 und in D 2 erschien die Zahl 286,5. Er war total begeistert und wollte sofort die Formel in die nächste Zeile schreiben.

 

„Stopp“, sagte Oma. „Die Formel aus D 2 kannst du jetzt ganz einfach so weit nach unten kopieren, wie du willst. Geh mit dem Cursor auf D 2“.

 

„Bin ich. Und jetzt?“

 

„Jetzt klick noch mal auf D 2, halte mit dem Zeigefinger die linke Mousetaste fest und zieh die Mouse in der Spalte D nach unten. Mach das mal bis zur Zeile 21. Da lässt du den Zeigefinger wieder los“.

 

„Herrlich“, kommentierte er seine Eingabe. „Aber jetzt steht überall eine ‚0’“, sagte er enttäuscht.

 

Lachend wies Marlies auf B 3 und C 3 abwärts. „Hier stehen ja noch keine Zahlen. Logischerweise ist das Ergebnis in der Spalte D dann ‚0’.“

 

Maju fiel in das Lachen seiner Oma ein, schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, sagte: „Da hätte ich aber auch selbst drauf kommen können“, und gab willkürliche Zahlen zur Probe in die Spalten B und C ein. Sofort erschienen in D die Ergebnisse.

 

„Ist das gut?“, wollte Marlies wissen.

 

„Das ist supi gut“, antwortete ihr Enkel.

 

„Pass auf. Jetzt kannst du in D 22 noch eine Gesamtsumme ziehen“.

 

„Wie geht das denn?“ Maju schaute Oma fragend an.

 

„Klick auf D 22. Gut. Jetzt klickst du oben in der Leiste das Summenzeichen an. Okay. Nun markiere mit der Mouse

D 2 bis D 21 in dem du wieder den Zeigefinger auf der linken Mousetaste lässt. Und, zack, steht eine Additionsformel in

D 22“.

 

„Das ist ja cool“, sagte Maju und freute sich riesig über das, was er bisher in der Tabelle angelegt hatte.

„Ich suche mir aus deinem Buch jetzt alles raus und Trage es in die einzelnen Zeilen ein. In die Spalte B gebe ich dann die Grammzahl ein, die ich essen oder trinken möchte“.

 

„Ja. Mach das mal. Ich bin gespannt, welche Gesamt -Kalorienzahl nachher heraus kommt“.

 

„Ich auch“. Maju recherchierte, tippte Buchstaben und Zahlen in die Zeilen und Spalten, während Oma ihm zusah. Sie arbeitete auch gerne mit Excel. Viele Tabellenkalkulationen hatte sie schon gemacht und in verschiedenen Ordnern im Laptop abgespeichert. Sie fand, dass das ihr Alltagsleben enorm erleichterte. Maju, der in der Schule gerne Mathe machte, hatte überhaupt kein Problem, mit dem Kalkulationsprogramm umzugehen. Er hatte die Logik sofort verstanden. Marlies freute sich darüber.

 

„Hör mal mein Moppel“, sagte sie. „Es ist schon fast siebzehn Uhr. Opa und Tossi werden gleich kommen. Ich mache jetzt drinnen für Tossi das Fressen fertig. Du solltest zu Hause anrufen, Bescheid sagen, dass du hier bist und etwas später zurück kommst“.

 

„Gut. Das mache ich. Ich will nämlich unbedingt die Kalorientabelle fertig haben, bevor ich nach Hause fahre“.

 

Die Beiden gingen gemeinsam ins Haus. Noch bevor Marlies Torsi’ s Fressnapf gefüllt hatte, kam diese schon angelaufen, guckte verduzt in ihre Küchenecke, wo noch nichts fressbares stand und machte vor ihrem Frauchen Sitz, weil sie merkte, dass alles in Vorbereitung war. Die Hündin wusste immer, wann siebzehn Uhr war. Denn einmal täglich bekam sie um diese Uhrzeit ihr Fressen.

 

„Ich habe zu Hause Bescheid gesagt“, sagte Maju, als er in die Küche kam. Er streichelte Tossi, während sie fraß, über den Rücken. Die Hündin ließ sich aber nicht stören.

Da Tossi als Welpe zu Marlies und Bernd gekommen und mit deren Enkel groß geworden war, durften die Kinder alles mit ihr machen. Umgekehrt war es genau so. Gegenseitige Akzeptanz und angemessener Respekt spielten dabei eine große Rolle. Sowohl die Kinder, als auch der Hund wussten jeweils, wie weit sie im Umgang miteinander gehen durften.

 

„Dann geh wieder an den Computer. Ich komme gleich nach und zeige dir eine weitere Formel, wenn du alles eingegeben hast.“

 

Als Marlies die Küche aufgeräumt hatte, war Tossi mit dem Fressen fertig und lief voraus in den Garten. Im Pavillon holte sie sich noch ein paar Streicheleinheiten von Maju, bevor sie stromernd zum kleinen Teich lief, um darin ein Bad zu nehmen. Der Teich war an einer Seite ziemlich flach. Das war Torsi’ s Seite. An dieser Stelle ging sie ein Stück ins Wasser und legte sich bäuchlings hinein. Nur der Kopf mit seinen großen, spitzen Ohren guckte noch heraus. Sie platzierte sich immer so, dass sie den größten Teil des Gartens überblicken konnte. Dabei sondierte sie das Terrain, um nach einigen Minuten, nachdem sie aus dem Wasser gekommen und ihren Körper so kräftig geschüttelt hatte, dass Wasserperlen in der Sonne glitzerten, schnuppernd an eine von ihr ausgewählte Stelle zu laufen, in der Hoffnung auf eine Maus, einen Maulwurf oder ein anderes Lebewesen zu treffen.

 

Oma, die mittlerweile im Pavillon angekommen war, sah sich die Kalorientabelle auf dem Bildschirm des Laptop an.

 

„Noch zwei Sachen, dann habe ich die zwanzig Zeilen fertig“, sagte Maju. „Moment, gleich bin ich so weit“.

Er gab noch Salami, fünfhundertneunzehn Kalorien und Mettwurst, vierhundertsechsundfünfzig Kalorien, ein.

 

„So“, sagte Marlies. „Jetzt ziehen wir in der Zeile zweiundzwanzig Summen in den Spalten B und C. Geh mal mit dem Cursor auf D 22. Die Formel, die du vorhin dort erstellt hast, kannst du nun in B 22 und C 22 kopieren“.

 

„Wie denn?“, wollte er wissen.

 

„Drück mit dem Mittelfinger auf die rechte Maousetaste. Siehst du die Vorschläge, die der Computer dir macht?“

 

„Ja, und da steht auch ‚Kopieren’“.

 

„So ist es. Führ den Mousezeiger auf ‚Kopieren’ und klick mit links an. Jetzt führst du die Mouse auf B 22. Durch Betätigen der rechten Mousetaste erscheinen wieder Vorschläge. Aber diesmal klickst du ‚Einfügen’ an...“

 

„und sofort ist die Additionsformel erschienen und die Summe steht auch schon da“, ergänzte Maju erfreut Omas Satz.

 

Er wiederholte den Vorgang in Zeile C 22. In drei Spalten waren nun die Gesamtsummen zu sehen. In Spalte B Grammzahlen. Da Maju überall fünfzig Gramm eingegeben hatte, ergaben sich insgesamt eintausend Gramm. In der Spalte C standen in jeder Zeile die Kalorienwerte für einhundert Gramm und in D die resultierenden Werte aus B und C.

Die Beiden betrachteten gemeinsam die Gesamtsummen. Maju war schockiert über die Kalorienergebnisse.

 

„Ach du liebe Zeit“, sagte er, auf den Bildschirm blickend. „Hier in der 100-Gramm-Spalte stehen ja 9.626 Kalorien“. Er zeigte entsetzt mit dem Zeigefinger auf diese Zahl. „Und bei dem, was ich essen möchte ergeben sich insgesamt 4.813 Kalorien. Wie viel darf ich zu mir nehmen?“

„1.456“, antwortete Oma. „Gib diese Zahl mal mit einem Minuszeichen in D 23 ein und zieh eine Summe in D 24. Was kommt raus?“

 

„3.357 Kalorien zu viel“, stellt Maju frustriert fest.

 

„Jetzt lass den Kopf nicht hängen. Erstens wirst du die zwanzig Sachen nicht jeden Tag essen und schon gar nicht von allem fünfzig Gramm“.

 

„Soll ich mal zehn Gramm überall eingeben?“, schlug er fragend vor.

 

„Ja, mach mal“.

 

Maju war schlau. Er schrieb eine zehn in die Zeile zwei der Spalte B und kopierte diese nach unten, wie vorher gelernt, in die Zeilen drei bis einundzwanzig. Jetzt ergaben sich 963 Gesamtkalorien.

 

„Das sieht doch schon viel besser aus“, stellte er zufrieden fest. „Und guck mal hier in D 24 ergibt sich ein Minus von 493 Kalorien. Das ist doch super toll. Jetzt habe ich 493 Kalorien übrig“. Maju war begeistert.

 

Doch Marlies musste die Begeisterung sofort dämpfen. „Schau, hier bei Limonade steht jetzt zehn Gramm. Ein Glas hat aber zweihundert Gramm. Oder Schokolade. Ein Riegel wiegt fünfzehn Gramm. Das, was du isst, muss schon realistisch eingetragen werden“.

 

„Dann lass uns die Liste mal gemeinsam durchgehen“, schlug er vor.

 

Marlies und Maju nahmen sich eine Position nach der anderen vor, überlegten wie viel er davon essen würde und Maju trug in jede Zeile die entsprechende Grammzahl ein. Natürlich erhöhte sich die Kaloriensumme entsprechend. Sie lag jetzt bei 1.325.

 

„Na ja, wenn ich 1.456 Kalorien zu mir nehmen darf, sind 1.325 doch okay, oder?“ Er sah seine Oma fragend an.

 

„Ich denke auch, dass wir mit dem Ergebnis zufrieden sein können, zu mal du nicht alles, was in der Liste steht, jeden Tag zu dir nehmen wirst. Das Eine oder andere isst oder trinkst du bestimmt nicht, dafür kommen Dinge dazu, die nicht auf deiner Liste stehen. Die Hauptsache ist, dass du das Kaloriensystem verstanden hast und deine Essgewohnheiten in etwa danach richtest. Weißt du, was ich meine, mein Moppel?“

„Ja, Oma. Ich werde nie mehr eine ganze Tafel Schokolade und statt einem Magnum-Eis ein Wasser-Eis essen. Und besser Kartoffeln als Nudeln und die Salami lasse ich auch lieber weg, obwohl ich die sehr gerne mag. Guck hier, einhundert Gramm haben nämlich 519, oder Jagdwurst 266 Kalorien. Anstatt Kartoffel-Chips knabbere ich dann Möhren, esse einen Apfel oder eine Banane, weil das ja auch noch viel gesünder ist“.

 

Marlies blickte ihren Enkel anerkennend an und sagte: „Ich bin so stolz auf dich. Weißt du was wir jetzt machen?“

 

„Was denn?“

 

„Zuerst schreibst du in Zeile eins noch Überschriften. Dann speichere ich diese Liste und die Fittrechner Tabelle aus dem Internet ab und schicke beide per E-Mail an euch nach Hause, wo du sie ausdrucken lassen oder, wenn dir noch etwas einfällt, weiter bearbeiten kannst“.

 

Oma legte in ihrem Laptop einen neuen Ordner mit dem Titel „Maju“ an. Sie gab beiden Tabellen die Namen ‚Kalorien’ und ‚Kalorienverbrauch’, speicherte sie unter „Maju“ ab und versandte sie anschließend an Markus’

E-Mail-Adresse, weil Maju noch keine hatte.

 

„Was würdest du denn von einer eigenen E-Mail-Adresse halten?“, fragte sie ihren Enkel, der seine Oma mit großen Augen erstaunt ansah.

 

„Geht das denn?“, wollte er wissen.

 

„Na klar, schlag es deinem Papa mal vor. Der kann dir in euerem Computer ein E-Mail-Konto einrichten. Dann kannst du mir die neuen Tabellen, wenn du sie änderst, wieder auf meinen Laptop schicken und ich speichere die dann in dem Ordner „Maju“ ab“.

 

Marlies wusste gar nicht, ob gleichaltrige Kinder schon ihre eigenen E-Mail-Adressen hatten. Aber das spielte für sie keine Rolle. Maju würde nach den Sommerferien von der Grundschule zu einer weiterführenden Schule wechseln. Ein neuer Lebensabschnitt würde für ihn dann beginnen. Und das rechtfertigte durchaus eine eigene E-Mail-Adresse, fand sie.

Ihr Enkel war von der Idee total begeistert und wollte seinen Vater sofort darauf ansprechen.

 

„Oma, weißt du was? Ich glaube in meiner Klasse und von meinen Freunden hat noch Keiner eine eigene Mail-Adresse. Wenn Papa mir die einrichten kann, werde ich das Jedem erzählen“, sagte er stolz, schwang sich auf sein Fahrrad, klingelte zum Abschied mit seiner neuen Fahrradklingel und fuhr kalorienverbrauchend nach Hause.

 

Nachdenklich packte Marlies ihren Laptop ein. Hatte sie ihren Enkel überfordert? Sie kam zu dem Ergebnis, dass das nicht der Fall war. Zu Zahlen hatte er ein gutes Verhältnis. Deshalb war auch die Anwendung des Kalkulationsprogramms kein Problem für ihn. Im Gegenteil. Es hatte ihm Spaß gemacht. Als Nächstes würde sie ihm zeigen, wie er sein Taschengeld damit verwalten konnte. Auch das wird ihm gefallen. Davon war sie überzeugt.

 

5.

 

„Was machst du?“ Cama war über die Terrasse in die Küche gekommen.

 

Überrascht sah Oma ihre Enkelin an. „Wo kommst du denn her?“, frage sie, anstatt zu antworten.

 

„Von meiner Voltegier-Stunde. Ich wollte mit dir etwas besprechen“.

 

„Das klingt aber spannend. Moment, ich mache gerade einen Quark-Öl-Teig. Morgen haben wir doch ein kleines Gartenfest. Dreißig-jähriges Bestehen des Sahara-Clübchens. Alle, die damals mit durch die Sahara gefahren sind, kommen. Als Vorspeise gibt es Spinatkuchen, den ich heute schon vorbereiten kann“.

 

„Wir sind doch auch alle dabei, weil Papa die Sahara-Durchquerungen mitgemacht hat.“

 

„Genau. Beim ersten Mal war er neun Jahre alt. Aber was wolltest du denn mit mir besprechen?“

 

„Bald fangen die Sommerferien an. Wir fahren aber erst in der zweiten Hälfte weg.“

 

„Wohin denn?“, wollte Marlies wissen, die das Thema Ferien überhaupt noch nicht auf ihrer Agenda hatte.

 

„Nach Kroatien. Campen. Mama und Papa haben gestern ein Riesenzelt gekauft. Da können wir auch bei Regen alle drinnen sitzen.“

 

„Dann macht ihr ja richtigen Abenteuerurlaub.“

 

„Wieso? Ist campen Abenteuer?“

 

„Na ja. Jedenfalls ist es abenteuerlicher als im Hotel“, fand Oma, die gerade den Teig auf dem Backblech ausrollte.

Cama schaute interessiert zu und sagte: „Ich habe noch nie Spinatkuchen gegessen.“

 

„Auf dem Küchentisch liegt das Rezept. Da kannst du schon mal nachlesen, wie er zubereitet wird“.

 

Cama nahm das Rezept und las laut vor:

 

 

Spinatkuchen

 

Zutaten für den Quark-Öl-Teig:

 

300 Gramm Mehl

   1 Päckchen Backpulver

150 Gramm Quark

   6 Esslöffel Öl

   6 Esslöffel Milch

etwas Salz

 

Zutaten für den Belag:

 

   2 Zwiebeln

30 Gramm geräucherten, mageren Speck

Knoblauchzehen nach Geschmack

   1 Paket tiefgefrorenen, gehackten Spinat

   2 Eier

150 Gramm Joghurt

200 Gramm Schmand

200 Gramm geriebenen Käse

Salz, Pfeffer, geriebene Muskatnuss

 

Zubereitung Teig:

 

Quark, Salz, Öl, Milch und die Hälfte des mit Backpulver gemischten Mehls mit einem elektrischen Stab verrühren.

Anschließend auf ein Brett geben und den Rest Mehl mit den Händen verkneten. Auf einem Backblech ausrollen.

 

 

Zubereitung Belag:

 

Zwiebeln, Knoblauch und Speck klein schneiden und in einer Pfanne anbraten.

Eier in einer Schüssel verquirlen. Joghurt, Schmand, geriebener Käse unterheben.

Die Auftauflüssigkeit vom Spinat abgießen und unterheben.

Die abgekühlten Zwiebel-, Speck- und Knoblauchstücke ebenfalls in die Masse rühren.

Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss abschmecken.

Masse auf den Teig geben und im vorgeheizten Backofen bei 200 Grad zwanzig Minuten backen.

 

„Das hört sich aber lecker an“, kommentierte Cama das Gelesene.

 

Marlies hatte in der Zwischenzeit den Spinatbelag fertiggestellt und auf dem Teig verteilt.

„Weißt du, den Spinatkuchen kann man sehr gut einen Tag vorher zubereiten und erst am nächsten Tag backen. Ich schiebe jetzt das Blech in den kalten Backofen und lasse es da bis morgen drin. So, komm, wir nehmen uns ein Eis aus der Tiefkühltruhe, setzen uns auf die Terrasse und du erzählst mir weiter von den Sommerferien“.

 

„Also“, begann Cama. Sie hatte sich ein bunt gestreiftes Fruchteis ausgesucht und war gerade dabei, das Papier abzumachen, als Tossi an ihr vorbei in die Küchenecke lief, in der ihr Fressnapf stand.

 

„Hey Tossi“, sagte Cama, “wo bleibt denn die Begrüßung?”

 

Doch die Hündin hatte keine Zeit. Sie wedelte zwar mit dem Schwanz, wollte jetzt aber lieber ihr Fressen, als Streicheleinheiten.

Marlies schaute erschrocken auf die Radiouhr. „Oh je, ich habe gar nicht gemerkt, dass wir schon fünf Uhr haben. Jetzt muss ich aber zuerst Tossi’ s Fressen fertig machen“.

 

Cama setzte sich Eis schleckend auf einen Küchenstuhl, während Oma Reis und Hundefleisch im Fressnapf mischte und Tossi jede ihrer Bewegungen konzentriert verfolgte. Obwohl Cama mit der Hündin sprach und ihr über das Fell streichelte, ließ die sich nicht ablenken. Tossi kannte den grünen Topf, in dem immer ihr Reis gegart wurde, Genau, denn wenn sich der Vorrat in dem Kessel dem Ende zu neigte, durfte sie ihn auslecken, was auf dem gefliesten Küchenboden zu polternden und scheppernden Geräuschen führte.

Endlich war es so weit. Tossi vertilgte schmatzend ihr Fressen. Marlies und Cama setzten sich mit ihrem Eis auf die Terrasse.

 

„Also“, begann Cama erneut. „Wir fahren ja erst in der zweiten Ferienhälfte weg. Meine Brüder und ich möchten gerne in der ersten Hälfte öfter hier hin kommen. Du wolltest doch immer schon mal mit uns etwas aus Ton machen. Und da haben wir uns überlegt, dass das in den Sommerferien ganz toll wäre“.

 

Oma sah ihre Enkelin erfreut an. „Das ist aber eine tolle Idee“, sagte sie sofort begeistert. „Wir haben dann ausreichend Zeit und ich kann euch richtig unterrichten. Da freue ich mich ja jetzt schon riesig drauf“.

Genüsslich und bereits über den Unterricht nachdenkend, biss sie ein Stück Eis ab, um es in ihrem Mund zergehen zu lassen.

Tossi, die mittlerweile mit ihrem Fressen fertig war, hatte zwischen den Beiden Sitz gemacht und schaute in Erwartung auf ein Eisbröckchen von Einem zum Anderen. Cama biss ein Stückchen von ihrem Eis ab, legte es auf die flache Hand und Tossi leckte dankbar die Handfläche ab.

 

„Hast du nicht schon mal unterrichtet?“, wollte Cama wissen.

 

„Doch. Ich war Dozentin für künstlerische Arbeiten in Ton bei der Volkshochschule“.

 

„Warum war?“

 

„Weil ich dann mehrere Enkel hatte, die jeden Tag zu mir kamen. Ihr seid mir wichtiger als die Dozententätigkeit“, sagte Oma lachend. „Jedenfalls habe ich noch alle Unterlagen für die Unterrichtsstunden. Die werde ich mir heraussuchen und daraus ein Seminar für Kinder erarbeiten“.

 

„Das hört sich aber cool an“.

 

Man konnte Cama ansehen, dass sie sich darauf freute.

„Das erzähle ich gleich meinen Brüdern, wenn ich nach Hause komme. Die werden Genau so begeistert sein, wie ich“.

 

Als Marlies die Kurse für die Volkshochschule abgehalten hatte, war ihr Garten der Unterrichtsort gewesen. Der große, runde Tisch im Pavillon diente als Arbeitsfläche.

Bernd schnitt damals Presspanplatten so zurecht, dass jeder Teilnehmer auf dem Tisch seinen eigenen Arbeitsplatz bekam. Zehn an Kunst und Ton interessierte Personen konnte Marlies so annehmen. Es fanden jeweils Sommer-Wochenend-Seminare statt. Marlies vermittelte Grundkenntnisse in Zeichnen, proportionalem Sehen und vor allen Dingen den Umgang mit dem wunderbaren Naturmaterial Ton.

Diesen Unterrichtsstoff werde ich kindgerecht überarbeiten, dachte sie gerade, als ihre Enkelin sagte:

„Oma, und dann wolltest du uns noch zeigen, wie man Senf macht und Parfum herstellt“.

 

„Ihr habt euch ja schon ein richtiges Ferienprogramm zusammengestellt. Aber ob wir das alles in der ersten Ferienhälfte schaffen, bezweifele ich“, sagte Marlies.

„Du kannst ja mal drüber nachdenken. Und außerdem sollst du uns jeden Tag eine Geschichte erzählen, sagt Mani. Und wir Anderen finden das auch. Jetzt muss ich aber nach Hause“.

 

Cama gab Oma einen Kuss, schwang sich auf ihr Fahrrad, rief ‚tschö’ und, weg war sie.

Marlies musste lachen. Wie wunderbar war es, Enkel zu haben. Sie ging in die Küche, um weitere Vorbereitungen für das Gartenfest am nächsten Tag zu treffen.

Bernd würde morgen eine Gulaschsuppe machen. So hatte Marlies mit dem Hauptgang nichts zu tun. Aber einen Nachtisch wollte sie noch zubereiten. Sie hatte sich für eine Quark-Mascarpone-Crème mit Kirschen und Mandelkrokant entschieden. Fünfzehn Leute würden kommen. Das hieß anderthalb Kilo Crème mussten gemacht werden.

 

 

Quark-Mascarpone-Crème mit Kirschen und Mandelkrokant

 

Zutaten:

 

1000 Gramm Magerquark

500 Gramm Mascarpone

100 Gramm Zucker

     2 Päckchen Vanillezucker

     2 Eigelb

     2 Eiweiß

     1 kräftiger Spritzer Zitrone

   2 Becher süße Sahne

   2 Gläser Schattenmorellen

200 Gramm Mandelblätter

20 Gramm Butter

   4 Esslöffel Zucker

 

Zubereitung:

 

Quark, Mascarpone, Zucker, Vanillezucker und Eigelb in einer Schüssel verrühren.

Eiweiß mit Zitrone sehr steif schlagen und unter die Crème-Masse heben.

Süße Sahne steif schlagen – ebenfalls unterheben.

Schattenmorellen in einem Sieb gut abtropfen lassen und auf dem Boden einer möglichst flachen, großen Glasschüssel verteilen.

Darauf die fertige Crème geben. (Kirschen und Crème bilden zwei Schichten, die durch die Glasschüssel optisch sehr schön zu Geltung kommen).

Für den Mandelkrokant die Butter in einer heißen Pfanne schmelzen lassen. Zucker dazu geben. Sobald sich der Zucker aufgelöst hat, die Mandelblätter unter ständigem Rühren goldbraun karamellisieren lassen.

Den Mandelkrokant aus der heißen Pfanne sofort großflächig auf Backpapier geben und auskühlen lassen. Kurz vor dem Servieren als dritte Schicht auf der Crème verteilen.

 

„Bon jour, ma chérie », begrüßte Heinz fröhlich mit Küsschen rechts und Küsschen links, Sahara-Tour-gemäß, Marlies, als er gemeinsam mit Lene zum Gartenfest erschien.

 

Er war der Einzige des gesamten Clübchens, der perfekt französisch sprach. Deshalb musste er bei beiden Sahara-Durchquerungen immer für Alle sämtliche Grenz- und Behördenformalitäten regeln. In den meisten westafrikanischen Ländern war französisch die offizielle Landessprache. Selten hatten Formulare zusätzlich englische Angaben. So bildete sich hinter dem armen Heinz immer eine Schlange von elf Personen, die geduldig darauf warteten, dass er ihnen behilflich war. Von Tunesien aus waren vier Ein- und vier Ausreisen bis zur westafrikanischen Küste erforderlich gewesen. Heinz hatte viel zu tun. Nach dem ersten Grenzübertritt, der sich etwas chaotisch gestaltete, organisierte er die Administration dergestalt, dass er zuerst für sich persönlich die notwendigen Formulare ausfüllte und dann immer zwei Personen aus der Warteschlange nach vorne holte, denen er problemlos weiter helfen konnte.

 

Nach und nach trafen die Anderen ein und nach kurzem Smalltalk drehten sich die Gespräche um die gemeinsamen, unvergesslichen Wüstenerlebnisse.

 

„Könnt ihr euch noch an das Hoggar-Gebirge erinnern? Die herrliche, bizarre Gebirgsformation mit unvergleichbaren Ausblicken?“

 

„An die bergauf Passage, die kein einziger VW-Bus schaffte? Alle, außer dem jeweiligen Fahrer, mussten aussteigen. Ein Bus nach dem Anderen wurde bis auf ein Plateau geschoben. Es gibt noch Aufnahmen davon“.

 

„Ja, und der neunjährige Markus kraxelte mutterseelenallein den Geröllberg nach oben“.

 

„Marlies ging es damals sauschlecht, weil sie sich den Rücken verrenkt hatte, als Bernd mit dem Auto in der Arrakschlucht im Sandfeld stecken geblieben war und wir ihn gemeinsam mit aller Kraft heraus geschoben hatten“.

 

„Genau. Am nächsten Tag, bei der Abfahrt, hat sie vor lauter Schmerzen den ganzen Bus vollgekotzt“.

 

„Und im Krankenhaus von Tammanrasset bekam sie vor allen ambulanten Patienten von dem Arzt eine Spritze in den Po“. Heinz sagte das grinsend, der als Dolmetscher mit ins Krankenhaus gegangen war. Lachend erzählte er weiter. „Vor allen Leuten musste sie ihr Hinterteil frei machen. Der Arzt putzte eine gerade gebrauchte Spritze mit einem Tuch ab, zog eine Flüssigkeit auf und ‚zack’ stach er zu. An Aids hat damals noch niemand gedacht. Anschließend gab er uns ein abgerissenes Stück Papier auf das er etwas geschrieben hatte. Damit erhielten wir in der Apotheke ein paar abgezählte, in Zeitungspapier eingepackte Tabletten. Alles war kostenlos“.

 

„Und hat sofort geholfen“, ergänzte Bernd. „Zum Dank bekam der Arzt eine Stange Zigaretten von uns und hat sich riesig darüber gefreut“.

 

„Ooooma, die Geschichte hast du uns noch nie erzählt“, sagte Mani vorwurfsvoll.

 

Alle mussten lachen.

 

„Wisst ihr noch, die Sandstürme? Obwohl wir im Schritttempo durch hintereinander fuhren, konnte man das Vorderfahrzeug nicht mehr erkennen“.

 

„Ja. Und hatte überhaupt keine Orientierung mehr. Trotz Sandsturm ist Einer nach dem Anderen aus dem Fahrzeug gestiegen und hat die nicht mehr erkennbare Piste gesucht“.

 

„Ein anderes Mal im Sandsturm schafften wir nur eine Tagesetappe von vierundzwanzig Kilometern, weil wir uns immer wieder in Sandlöchern festgefahren hatten“.

 

„Du liebe Zeit. Wenn ich daran noch denke. Immer wieder kamen die Sandbleche zum Einsatz. Meter für Meter hat sich jeder einzelne VW-Bus vorwärts gekämpft.“

 

„Das kann man wohl sagen. Vor lauter Sand bekamen wir kaum Luft. Wir konnten uns nur mit Sonnenbrillen und Mundschutz draußen bewegen“.

 

„Könnt ihr euch noch an die Wellblech-Pisten in der Sahel-Zone erinnern? Beulen am Kopf haben wir uns geholt, weil wir oft bis an die Decke katapultiert wurden“.

 

„Und all die platt gefahrenen Reifen. Weiß noch einer wie viele das waren?“

„Moment. Wir hatten insgesamt zwanzig Ersatzreifen dabei. In Togo, als wir die VW-Busse an Bonifaz übergeben haben, waren nur noch fünf übrig. Also haben wir fünfzehn Reifen ausgewechselt und zwischendurch noch mehrere geflickt“.

 

„Und wie sparsam wir mit dem wertvollen Wasser umgegangen sind. Es durfte kein Tropfen verschwendet werden. Wenn sich einer gewaschen hat, wurde etwas Wasser in eine Schüssel getan. Dann kamen zuerst Gesicht und Oberkörper dran, anschließend der Unterkörper und zum Schluss die Füße. Schweißfüße hatten wir alle, weil die armen Füße trotz Hitze den ganzen Tag in Stiefeln stecken“.

 

„Um so glücklicher waren wir, als es auf dem Camp in Agadez Duschen gab“.

 

„Die waren doch hoch interessant. Keiner von uns hatte solche Duschen vorher schon mal gesehen. Ein Wassereimer mit Löchern im Boden hing mit dem Henkel an einem Ast. Die Löcher waren im Inneren des Eimers mit einer Platte verschlossen, auf der man ein Gewicht befestigt hatte. Ein raffinierter Verschlussmechanismus war das. An der Platte war eine Schnur befestigt, die über den Eimerrand nach außen führte und seitlich herunter hing. Wir mussten die Eimer im Camp eigenen, offenen Wasserreservoir selbst befüllen, an dem Ast aufhängen, an der Schnur ziehen und schon konnte man duschen, weil das Wasser durch die Löcher rieselte“.

 

„Das stimmt. Es war die ökonomischste Dusche der Welt, denn immer, wenn man die Schnur los ließ, klappte die Platte im Eimer durch das Gewicht wieder zu und der rieselnde ‚Wasserstrom’ verebbte. Aber, so brauchte man nur zehn Liter Wasser für eine Dusche“.

 

„Ja. Und trotzdem war es eine Wohltat! Auch wenn das Wasser nicht unbedingt sauber war. Es störte uns nicht. Wir fühlten uns wie neu geboren“.

 

„Das kannst du laut sagen. Und anschließend gab es Bier, das vom Camp-Manager verkauft wurde. Das erste kühle Getränk nach zwei Wochen. Das hat uns geschmeckt! Ein paar von uns hatten danach fürchterlichen Durchfall. Wisst ihr das noch?! Wir mussten einen Tag länger stehen bleiben, als geplant, weil die nicht mehr vom Klo kamen. Was haben wir gelacht! Egal, was sie machten oder, wo sie hingingen, eine Rolle Toilettenpapier war ihr ständiger Begleiter“.

 

„Hört mal alle zu!“ Maju unterbrach die Gesprächsrunde und schaffte es, dass ihn alle anblickten.

„Soll ich jetzt den Nachtisch holen?“, fragte er grinsend und lief ohne eine Antwort abzuwarten, die Treppe hoch, um gleich darauf mit der Nachtisch-Schüssel zurück zu kommen.

 

„Hhm, wie lecker“.

 

„Der sieht aber gut aus“.

 

„Das Rezept hätte ich gerne“.

 

„Ich bin doch so ein Süßer, da freue ich mich aber drauf“.

 

So waren die Kommentare angesichts der dreischichtigen Süßspeise in der Glasschüssel.

 

„Den hat meine Oma selbst gemacht“, sagte Mani stolz und bediente sich als Erster.

 

Die zu erzählenden Erinnerungen flauten nicht ab.

 

„Wenn ich noch an den Verkauf der Busse im Pendjari-Park in Benin denke. Mannomann war das spannend. Stundenlang, bis spät in die Nacht, hat Heinz mit dem Ranger den Preis ausgehandelt“.

 

„Der wollte doch zuerst nur zwei VW-Busse kaufen. Aber Heinz hatte ihm auf französisch klar gemacht, entweder alle fünf oder keinen“.

 

„Wir saßen den ganzen Abend, wie auf heißen Kohlen“.

 

„Und Heinz kam einfach nicht aus dem Zelt, in dem die Verhandlung stattfand“.

 

„Wisst ihr noch, dass wir anfangs gar nicht in dem Camp bleiben wollten?“

 

„Und ob! Weil es so fürchterlich stank, dass es kaum zum Aushalten war“.

 

„Wegen den Tierkadavern, die sie an einer Stelle abgelegt hatten“.

 

„Aber als der Ranger Interesse an unseren Fahrzeugen zeigte, schenkten wir dem Gestank keine Beachtung mehr“.

 

„Was haben wir uns gefreut, als Heinz endlich aus dem Verhandlungszelt kam und verkündete, dass er alle fünf Autos verkauft hatte und wir auch noch die Hälfte des Erlöses in D-Mark bekommen würden“.

„Weil der Ranger das Geld von fünf deutschen Großwildjägern, die mit ihm auf Safari gingen, bekommen hatte“.

 

„Könnt ihr euch noch an die gegenseitigen Bedingungen erinnern?“

 

„Das kann man doch nie vergessen“.

 

„Heinz war ganz stolz, als er uns die mitgeteilt hat“.

 

„Das konnte er auch sein! Die Hälfte des Geldes sollte sofort bezahlt werden und die andere Hälfte in Togo, dass heißt in Lomé am Stand, bei Übergabe der Busse“.

 

„Und zur Sicherheit, das war die Bedingung des Rangers, mussten wir Bonifaz, einen großen schwarzen Missionarszögling, mitnehmen und ihn bis zum Ende unserer Reise verpflegen“.

 

„Zirka fünfhundert Kilometer und fünf Tage hatten wir noch vor uns bis zur westafrikanischen Küste“.

 

„Und Bonifaz ist jeden Tag in einem anderen Auto mitgefahren. Für seine Verpflegung waren immer die zuständig, bei denen er mitfuhr“.

 

„Obwohl wir uns nur mit Händen und Füßen mit ihm verständigen konnten, gab es viel zu lachen“.

 

„Weil er ein richtiger Clown und so lustig war“.

 

„Jede Nacht hat er innerhalb der Wagenburg am Lagerfeuer in einem Schlafsack auf einer Matte geschlafen“.

 

„Und in Lomé war er unser Wächter. Da hat er doch ein paar zwielichtige Gestalten in die Flucht geschlagen, die nachts um unsere Autos schlichen“.

 

„Als wir uns von ihm verabschieden mussten, hatten sowohl wir, als auch Bonifaz Tränen in den Augen“.

 

„Und dann passierte der Horror. Mit mehreren Taxen fuhren wir zum Flughafen. Wir hatten insgesamt fünf Seesäcke und Handgepäck von jedem im Terminal deponiert und uns im Gebäude verteilt, als Sibylle rief: ‚Meine Papieretasche ist weg’. Oh je, war das eine Aufregung. Alles war in der Tasche. Flugtickets, Reisepässe, Bargeld, Reiseschecks, Fahrzeugcarnet im Wert von zehntausend Mark und Zollpapiere. Wir suchten den Gepäckhaufen durch. Schauten auf der Erde und dem Weg vom Taxi ins Gebäude nach. Nichts! Und jetzt? Keine Tickets, keine Pässe, kein Flug? Wo hatte Sibylle die Tasche zuletzt gehabt? Tränenüberströmt versuchte sie sich zu konzentrieren. Plötzlich wusste sie es. ‚Im Taxi’, sagte sie. ‚Ich muss sie im Taxi liegen gelassen haben’.“

 

„Aber wir kannten weder das Autokennzeichen noch den Namen des Fahrers“.

 

„Entschlossen schwärmten die Männer aus. Wir Frauen bewachten das Gepäck“.

 

„Heinz und Ali schnappten sich das nächste Taxi und fuhren zurück zu unserem Camp, um vielleicht von Bonifaz den Namen des Fahrers, der Taxifirma oder das Autokennzeichen zu erfahren. Die Anderen versuchten am Flughafenschalter oder bei anderen Taxifahrern etwas zu erfahren“.

 

„Und plötzlich hielt ein Taxi am Eingang. Der Fahrer stieg aus, hielt Sibylles Tasche in der Hand und übergab sie ihr lächelnd. Er machte uns klar, dass er sie in seinem Wagen gefunden hatte. Mann, war das eine Erleichterung. Sibylle konnte ihr Glück kaum fassen“.

 

„Als Ali und Heinz düster dreinschauend und ohne Erfolg zurückkamen, fiel Sibylle ihrem Ali heulend, die Tasche in der Hand haltend, um den Hals. Sie brachte kein Wort heraus“.

 

„Du wolltest ihm als Dank noch einen Finderlohn geben“, sagte Lene zu Sibylle.

 

„Aber er hat das rigoros abgelehnt. Noch nicht mal ein Päckchen Zigaretten hat er angenommen. Ich bin ihm heute noch unendlich dankbar“. Sibylle blickte Ali an, der sagte:

„Ich auch. Ich sah uns beide doch schon mittellos im Seemannsheim in Lomé. Und wer weiß, wie das ausgegangen wäre“.

 

Alle mussten lachen und spekulierten heiter über die Unwägbarkeiten und eventuellen Möglichkeiten, die sich hätten ergeben können.

 

Die Kinder waren an diesem wunderbaren, warmen Sommerabend auf den Liegestühlen eingeschlafen, als Bernd ganz hinten im Garten ein Lagerfeuer entzündete. Doch als die ersten Flammen knisternd den Garten erhellten, waren sie sofort wieder wach und rannten zum Feuer, um Opa zu helfen.

Jeder Erwachsene nahm seinen Stuhl mit. Schon bald saßen alle am Lagerfeuer und die nächste Sahara-Gesprächsrunde begann. Es wurde eine lange, herrliche, lustige Nacht.

 

6.

 

 

Künstlerische Arbeiten mit Ton

 

Der Pavillon sah aus, wie eine Künstlerwerkstatt. Bernd hatte den großen Tisch mit Folie abgedeckt und darauf vier Arbeitsplätze eingerichtet. Leere Konservendosen dienten als Werkzeughalter. Modellierschlingen und –hölzer, Palettmesser, Ziehklingen, Spachtel, Drehschienen, Innen- und Außenzirkel, Flaschenknechte, Schwämme und Tonabschneider waren auf die Dosen verteilt. Gerbrauchsfertige Zehn-Kilogramm-Ton-Hubel in verschiedenen Sorten und Farben lagen auf dem Mäuerchen. Es gab Ton mit und ohne Schamotte, weiß bis creme, hellrot bis dunkelrot und braun bis schwarz brennend.

Wassersprüher standen an den Arbeitsplätzen und Wassereimer auf der Erde. Die Malkittel und für jeden ein eigenes Handtuch hingen über den Stühlen. Auf dem Holzbock lagen Zeichenblöcke und Bleistifte.

Ab morgen würde das Oma-Enkel-Ton-Seminar beginnen.

 

Regentropfen verursachten Musik auf dem Pavillondach. Wie leise Trommelwirbel hörte es sich an. Marlies liebte eigentlich dieses Geräusch, wenn sie im Pavillon arbeitete. Sie fand es entspannend und inspirierend. Aber für morgen wollte sie keinen Regen. Jedenfalls nicht beim ersten Teil des Unterrichtes. Der bestand nämlich aus Zeichnen im Freien. Dabei würde Regen in jedem Fall stören. Sie wollte ihr Unterrichtsschema auch für ihre Enkel unbedingt beibehalten. Es war am effektivsten. Als sie den Stoff für ihre Dozententätigkeit mit Erwachsenen durchgegangen war, hatte sie befunden, dass der Unterricht für die Kinder Genau so ablaufen konnte. Nichts musst sie ändern.

In der ersten Woche würde es mittags kalte Küche geben. Nudelsalat und Stracciatella-Nachtisch, jeweils für zwei Mal, waren schon fertig. Kartoffelsalat und Vanillepudding mit Zucker und Zimt, auch für zwei Tage, standen als Nächstes auf dem Speiseplan. An einem Tag würden sie zwischen den beiden Teichen, begleitet von den Geräuschen des Wasserfalles ein Picknick machen.

Alles war perfekt und gut durch organisiert, fand Marlies, als sie einen letzten Blick durch die Künstlerwerkstatt gleiten ließ.

 

Der Regen hatte aufgehört. Marlies schlenderte durch den Garten. Sie liebte die Momente nach einem Sommerregen. Alles roch frisch und verführerisch. Erde und Gras verströmten einen unbeschreiblichen Duft aus dem man die Dankbarkeit für das Wasser erahnen konnte. Sträucher und Bäume zeigten sich mit nass glänzenden Blättern von ihrer schönsten Seite. Die Baumstämme mit ihren unterschiedlich strukturierten Rinden leuchteten den ersten Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken stahlen, mit aller Kraft entgegen und versprühten ihre baumarttypischen Holzgerüche.

Als Marlies ihren bewundernden Rundgang beendet hatte, war der Himmel wieder strahlend blau. Die Schwere der Wolken war durch die Kraft der Sonne besiegt worden. Noch ein paar Kumuluswolken zogen am Himmel ihre Bahnen. Morgen würde ein wunderschöner, warmer Sommertag werden.

 

„Oma, wir dürfen heute Nacht bei euch schlafen“, sagte Cama, als sie ihr Fahrrad im Garten abstellte.

 

„Guck hier, ich habe unsere Schlafsachen und Wechselklamotten mitgebracht“. Maju zeigte auf eine Sporttasche, die auf dem Gepäckträger seines Rades klemmte.

 

„Und ich Spielsachen“, verkündete Mani, als er geschickt von seinem Fahrrad sprang.

 

„Hey, ihr Süßen, das freut mich aber“. Marlies ging auf die Drei zu, um sie zu begrüßen.

Lustig sahen sie aus mit ihren bunten Fahrradhelmen. Mani hatte zusätzlich Knie- und Ellbogenschoner über seine nackten Beine und Arme gezogen. Obwohl er sehr gut und sicher Rad fahren konnte, zog er dieses Zubehör, das eigentlich zum Inline-Skating gehörte, freiwillig und liebend gerne an, weil er das super cool fand. Er konnte überhaupt mit jedem Accessoire etwas anfangen. Seine Fantasie war bei solchen Dingen grenzenlos. Batman, Astronaut, Marsmensch, Baggerfahrer, Lokführer, Flugkapitän, Feuerwehrmann, Rennfahrer, selbst die kleinsten Utensilien ließen ihn in eine andere Welt eintauchen. Ein Springseil wurde zum Lasso des Cowboys. Die Vogelfeder, die er im Garten fand, machte ihn zum Indianer. Ein kleiner Ast diente als Dirigentenstab und mit einer Holzlatte wurde er zum Brückenbauingenieur.

Aber auch Sinnlichkeit war ihm gegeben. Er konzentrierte sich intensiv auf das, was er tat, hörte oder sah und versuchte mit seinen fünf Jahren zu erfassen, was dahinter steckte. Er gab so lange keine Ruhe, bis seine Fragen für ihn erschöpfend beantwortet waren.

 

„Habt ihr schon gefrühstückt?“

 

Alle Drei schüttelten gleichzeitig ihre Köpfe.

 

„Gut. Dann holen wir uns drinnen Müsli, Milch und Obst. Wir frühstücken nämlich in unserem Atelier.

„Ist das im Pavillon?“, wollte Mani wissen, während er sich Knie- und Ellbogenschoner auszog und Cama und Maju bereits dorthin liefen.

Mani wartete Omas Antwort erst gar nicht ab, sondern spurtete sofort hinter seinen Geschwistern her. Sporttasche, Spielsachen und das gesamte Fahrrad - Equipement lagen auf einem Haufen im Gras.

 

„Das sieht ja aus, wie in einer Werkstatt“.

 

„Wofür sind denn die Eimer mit Wasser?“

 

Warum stehen da all die Sprühflaschen?“

 

„Wieso gibt es so viel Werkzeug?“

 

„Was macht man denn mit den Drähten und warum haben die Holzgriffe?“

 

„Und hier liegen Zeichenblöcke und Stifte. Sind die zum Malen?“

 

Weshalb liegen denn vier Bretter auf dem Tisch?“

 

„Müssen wir die Malkittel anziehen?“

 

Fragen über Fragen stellten sich den Kids.

 

„Alles der Reihe nach“, sagte Marlies lachend. „Jetzt bringen wir zuerst einmal euere Sachen ins Haus und holen unser Frühstück. Dann setzt sich jeder an seinen Arbeitsplatz, das sind die Bretter, und ich erkläre euch, was es mit den ganzen Dingen, die ihr hier seht, auf sich hat“.

 

Gesagt, getan. Voll beladen gingen alle ins Haus, um mit Müslischüsseln in den Händen wieder heraus zu kommen. Im Pavillon teilte Cama jedem einen Platz zu, was von ihren Brüdern ohne Murren akzeptiert wurde.

Während sie ihr Müsli aßen, konnte Oma schon mal einiges erklären.

 

„Die Wassereimer stehen hier, damit ihr die Hände und euer Werkzeug darin waschen könnt. Das ist ganz wichtig. Keiner darf die tonverschmierten Finger unter dem Wasserhahn abspülen, weil sonst der Abfluss verstopft“.

 

Kauend nickten ihre Enkel verständnisvoll.

 

„Die Drähte mit den Holzgriffen heißen Tonabschneider. Damit kann man dicke Tonstücke besser durchtrennen, als mit einem Messer“.

 

„Und wofür sind die Malkittel, Zeichenblöcke und Stifte?“, wollte Maju wissen.

 

„Mit vollem Mund spricht man nicht“, fuhr Cama ihn an. „Du bespuckst ja deinen ganzen Arbeitsplatz“.

 

Lachend nahm Marlies einen Lappen und wischte die Müslibröckchen von der Platte.

 

„Die Malkittel ziehen wir an, damit unsere Klamotten nicht mit Ton beschmiert werden“.

 

„Ach so. Ich dachte, wir würden auch noch malen“.

 

„Na ja, malen nicht direkt. Aber zeichnen. Dafür sind die Zeichenblöcke und die Stifte“.

 

„Was denn?“ Mani sah Oma fragend an.

 

„Was denn, was?“, beantwortete Marlies seine Frage mit einer Gegenfrage.

 

„Was denn zeichnen?“

 

„Das ist die Überraschung. Ihr werdet euch wundern. Wenn wir mit dem Frühstück fertig sind, geht’s los“.

 

„Womit?“

 

„Mit Zeichnen“.

 

„Da bin ich aber gespannt. Können wir denn zeichnen?“, wollte Cama wissen.

 

„Na klar. Jeder kann das!“. Oma sah ihre Enkel herausfordernd an.

 

Es entstand eine Diskussion über den Unterschied zwischen Zeichnen und Malen, bei der den Kindern deutlich wurde, dass sie eigentlich täglich irgend etwas zeichneten. Oft sogar unbewusst, stellten sie erstaunt fest.

 

Mitten im Garten standen vier Stühle in einer Reihe auf der Wiese. Oma und ihre Enkel, bewaffnet mit Zeichnblöcken und Bleistiften, waren unterwegs dorthin.

 

„Jeder setzt sich auf einen Stuhl und schreibt zuerst mal seinen Namen auf den Zeichenblock“, erklärte Marlies. „Danach teilen wir ein Blatt in sechs gleich große Felder ein, in dem wir in der Mitte der breiten Seite einen Strich ziehen und dann senkrecht noch mal zwei Striche“.

Bei den Stühlen angekommen, zeigte Oma, wie sie das meinte. Maju half seinem kleinen Bruder.

 

„In jedes Feld zeichnet ihr die Figur, die gleich vor euch erscheinen wird. Und zwar innerhalb von drei Minuten“.

 

„Aber hier ist doch keiner“. Cama schaute sich irritiert im Garten um.

 

„Richtig. Die Figuren machen wir selber“.

 

„Wie denn?“

 

Marlies stand auf und stellte sich mit einigem Abstand vor die Kinder, stemmte die Hände auf die Hüften und spreizte die Beine. “Das ist eine Figur. Oder das“. Sie hob beide Arme schräg in die Höhe.

 

„Jetzt siehst du aus wie ein X“.

 

„Oder so“. Marlies ließ einen Arm oben, den anderen hielt sie seitlich abgewinkelt nach untern. „Jeder von uns stellt gleich abwechselnd eine Figur dar und die Anderen zeichnen die dann in ein Feld auf dem Blatt. Aber bevor wir beginnen, will ich euch noch etwas Anderes erklären“.

 

Oma hatte einen Zollstock mitgenommen, den sie nun auseinander geklappt neben sich hielt, um ihren Enkeln damit die Proportionen eines menschlichen Körpers zu erklären.

 

„Seht ihr, so groß bin ich“. Sie hielt den Zollstock etwas von sich weg. „Jetzt schaut auf meinen Kopf und meinen Oberkörper. Bis zum Schambein macht das ungefähr die Hälfte der Gesamtgröße. Die andere Hälfte sind die Beine mit den Füßen. Das ist bei fast allen Menschen so. Egal, ob jemand groß oder klein ist“.

 

Marlies hatte den Zollstock auf die Hälfte ihrer Größe zusammengeklappt und demonstrierte die Größenverhältnisse, in dem sie ihn vom Schambein aufwärts an ihren Oberkörper und anschließend im einhundertachtzig Grad Winkel nach unten an ihre Beine hielt.

 

„Jetzt schaut auf die Arme. Wenn sie nach unter hängen, reichen sie bis zur Hälfte meiner Größe, also bis zum Schambein. Dann kommen erst die Hände. Wenn ich die Arme hochhebe, enden die Ellbogen oben am Kopf und nur die Unterarme mit den Händen ragen über den Kopf hinaus. Interessant ist noch, dass Unter- und Oberarme fast gleich lang sind. Genau so die Beine. Der Oberschenkel bis zum Knie entspricht in etwa der Länge des unteren Beines.

Und noch etwas. Guckt mal auf meinen Hals und den Kopf. Der Hals ist ziemlich kurz und schmal. Der Kopf darauf ist auf jeder Seite nur etwas breiter als der Hals und auf keinen Fall eine Kugel, sondern hat ungefähr die Form eines Hühnereies“.

 

„Und das ist bei allen Menschen so?“, wollte Maju wissen.

 

„Grundsätzlich ja“, antwortete Marlies. „Kleinere Unterschiede gibt es aber immer. Zum Beispiel längere oder kürzere Arme und Beine. Große oder kleine Hände und Füße. Aber egal, ob jemand dick, dünn, groß oder klein ist, die Proportionen sind immer gleich“.

 

Mit großer Aufmerksamkeit und äußerst interessiert verfolgten ihre drei Enkel die Erklärungen und Demonstrationen von Oma Marlies. Anschließend betrachteten sie sich gegenseitig, um das Gelernte auch an ihren unterschiedlichen Körpergrößen bestätigt zu sehen. Sie hoben die Arme und stellten fest, dass die Schultern mit nach oben gingen und die Ellbogen bis zum Kopfende reichten. Lediglich die Unterarme und Hände ragten über den Kopf hinaus.

Sie gingen in die Knie, versuchten dabei mit ihren Hintern auf die Erde zu kommen, um festzustellen, ob die untere Beinhälfte der Länge des oberen Beines entsprach. Oder legten den Oberkörper so auf die Oberschenkel, dass die Schultern die Knie berührten.

 

„Genau das sind die Figuren, die ich gleich sehen möchte“, sagte Marlies lachend, als sie die Drei kommentarlos beobachtete. „So Kinder, das reicht jetzt. Wir machen weiter. Setzt euch auf die Stühle, nehmt die Zeichenblöcke auf den Schoß und einen Bleistift in die Hand. Ich bin das erste Modell. Ich stelle mich drei Minuten in Position, während ihr diese Figur dann auf euer Blatt zeichnet. Lasst in jedem Fall das Gesicht weg. Hände, Füße und Kopf könnt ihr zeichnerisch andeuten, oder auch ganz weglassen“.

 

Marlies stellte sich breitbeinig vor die Kids. Die Hände hatte sie in die Hüften gestemmt, so dass Ober- und Unterarme neben dem Körper ein Dreieck bildeten. Sie schaute auf die Uhr. Drei Minuten musste sie als Modell in dieser Position ausharren. Sie war auf die ersten Zeichenergebnisse gespannt und beobachtete ihre Enkel, deren Blicke immer wieder vom Zeichenblock auf das Modell gingen, um dann das Gesehene mit dem Bleistift auf Papier zu bringen.

 

„Noch eine halbe Minute“, verkündete Oma.

 

Und dann waren die drei Minuten vorbei.

 

„Ich bin aber noch nicht fertig“. Mani schaute auf die Zeichnungen seiner Geschwister, um festzustellen, wie weit die gekommen waren. Doch auch sie hatten es nicht geschafft, ihre Zeichnungen zu vollenden. Alle Drei schauten ihre Oma betreten an.

 

„Das macht nichts. Ihr werdet feststellen, dass es bei der nächsten Figur schon besser klappen wird. Maju, jetzt bist du das Modell“.

 

Maju stellte sich mit dem Profil zu den Künstlern, machte mit dem rechten Bein einen Schritt nach vorne, hob den linken Arm schräg nach vorne oben und spreizte den rechten Arm schräg nach hinten unten. Maju stellte schnell fest, dass es schwierig war, drei Minuten lang seine Position zu halten. Aber eisern hielt er durch.

 

„Ich wusste gar nicht, dass drei Minuten unterschiedlich lang sein können“, sagte er, als er sich wieder normal hinstellen konnte.

„Für den Zeichner sind sie viel zu schnell vorbei, aber für das Modell dauern sie eine Ewigkeit“.

 

„Ich bin fast fertig geworden“, verkündete Cama stolz und stand auf.

„Ich möchte jetzt“, sagte sie und stellte sich in Position.

Sie nahm die Hände hinter den Kopf, so dass Ober- und Unterarme ein Dreieck bildeten.

 

Die Anderen zeichneten, was das Zeug hielt. Viel zu schnell war die Zeit um. Dann war Mani als Modell an der Reihe. Wie sein großer Bruder, stellte er sich im Profil zu den Zeichnern, beugte seinen Oberkörper nach vorne, berührte mit den Händen den Boden und bildete so eine menschliche Brücke.

 

„Das ist ja eine tolle Figur“, lobte Marlies ihren kleinsten Enkel. Hoffentlich kannst du die auch drei Minuten lang halten“.

 

Mani sagte nichts. Er konzentrierte sich auf seine Darstellung. Doch nach einer Minute begann er zu zappeln. Erst ging das eine Bein nach oben und wieder zurück und dann das andere Bein.

 

„Du musst stillhalten. Als Modell darf man nicht zappeln“, sagte seine Schwester vorwurfsvoll zu ihm.

 

Tapfer versuchte er, seine Position zu halten. Aber es fiel ihm sichtlich schwerer. Nach zwei Minuten hockte er sich auf seine Fersen und bat die Künstler um eine kleine Pause, um kurz darauf seine Brückenhaltung wieder einzunehmen. Als die letzte Minute vorbei war, ließ er sich erschöpft ins Gras fallen.

 

„So eine Figur mache ich nie mehr. Ich dachte, die wäre ganz einfach. Ist sie ja auch. Aber nicht, wenn man so lange aushalten muss“, teilte er seine Erfahrung den Anderen mit, die ihm interessiert zuhörten.

 

Auf jedem Blatt waren nun drei Zeichnungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Die Vier setzten sich ins Gras und besprachen ihre Werke. Erstaunt waren sie über die unterschiedlichen Ergebnisse. Jede Zeichnung sah doch tatsächlich anders aus.

Maju, der Ökonom, hatte mit geraden Strichen ziemlich eckige Figuren zu Stande gebracht und die Köpfe jeweils oval, also wie ein Ei, zwischen die Arme platziert.

Camas Bilder zeigten mehr Rundungen. Man konnte sogar erkennen, dass ihr zwei Jungen und eine Frau Modell gestanden hatten.

Manis Zeichnungen ähnelten Comic-Figuren und sahen sogar lustig aus. Er hatte von seinem Vater schon früh gelernt, wie man Comics zeichnete.

Bei allen Dreien waren die ersten zwei Figuren unvollendet, doch die dritte war bei jedem perfekt.

 

‚Kinder sind doch flexibeler und können sich viel schneller auf Situationen einstellen, als Erwachsene’, dachte Marlies.

 

„Jetzt geht es weiter mit der zweiten Runde. Ich fange wieder als Modell an. Noch mal Jeder drei Minuten“.

Sie nahm ihren Stuhl, stellte ihn in angemessener Entfernung vor die Kinder, setzte sich darauf, stützte die Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände und sagte: „Versucht nur meine Haltung zu zeichnen. Den Stuhl könnt ihr weglassen“.

 

Die Bleistifte flogen über die Blätter und Marlies stellte erfreut fest, dass ihre Enkel schon nach so kurzer Zeit Schnelligkeit gelernt hatten, die den Bildern eine gewisse Dynamik verleihen würden.

 

„Kann ich mich auch hinlegen?“, wollte Maju, das nächste Modell, wissen.

 

„Ja klar. Jeder kann die Position einnehmen, die er möchte“.

 

Er legte sich seitlich ins Gras. Der rechte Unterarm war schräg nach oben angewinkelt, so dass die Hand den Kopf abstützte. Die Beine hatte er gerade aufeinander gelegt. Mit der linken Hand stützte er sich vor seinem Körper ab.

 

Cama stellte sich als Balletttänzerin im Plier auf und Mani umfasste sitzend im Gras mit beiden Armen seine Unterschenkel und legte den Kopf mit der Stirn auf die Knie.

 

Jeder hatte nun sechs Zeichnungen auf seinem Blatt. Nach einer weiteren Begutachtung und Besprechung folgte die praktische Arbeit. Die Aufgabe war, alle sechs Zeichnungen in handgroße Tonfiguren zu formen. Begonnen wurde mit dem feinen, hellen Ton ohne Schamotteanteil, weil der sich für kleine Kunstwerke ganz hervorragend eignete. Der Clou war, dass jede Figur in fünf Minuten fertig sein und nur aus einem Stück Ton gearbeitet werden musste. Weder Arme, Beine noch Kopf durften separat gefertigt und angesetzt werden.

 

Maju, der Kräftige, schnitt die Hälfte des Hubels mit Tonabschneider und Messer in vierundzwanzig Teile. Cama legte an jeden Arbeitsplatz sechs Stücke frischen, feuchten Ton. Jedes Stück wog ungefähr zweihundert Gramm.

Bei dieser ersten Phase des Umsetzens in Dreidimensionalität sollte nicht auf Details geachtet, sondern die Figuren als Einheit unter Beachtung der körperlichen Proportionen heraus gearbeitet werden.

 

Die Kinder hatten das zwar verstanden, aber Marlies wusste, dass es schwierig war, das Verstandene vom Kopf in die Hände zu schicken und mit diesen dann umzusetzen, zumal die zweidimensionalen Vorlagen immer nur Breite und Höhe zeigten, die jedoch gedanklich um eine weitere Ansicht, nämlich die Tiefe, ergänzt und handwerklich realisiert werden musste.

Sie nahm deshalb ein Stück Ton in ihre Hände und führte die Technik vor. Beide Handflächen und alle Finger kamen dabei zum Einsatz. Das herrlich kühle, weiche Material wurde durch drehen und wenden, drücken und herausarbeiten zu einem Kunstobjekt, dass in der Aussage ihrer ersten Zeichnung entsprach.

 

Fasziniert und konzentriert hatten ihre Enkel jede Bewegung verfolgt und waren von dem Ergebnis begeistert, zumal es ohne Werkzeugeinsatz entstanden war.

 

„Fangt an“, sagte Marlies. „Und kein Werkzeug“, mahnte sie. „Ihr dürft euere Hände und Finger verwenden. Nach fünf Minuten ist Schluss, egal, ob die Figur fertig ist oder nicht“.

 

Viele Fragen taten sich auf. Oma ging von einem zum anderen, gab Tipps und Hinweise. Nach fünf Minuten sagte sie „Stopp“. Die ersten Kunstwerke waren entstanden. Toll und hoch interessant sahen sie aus in ihrer Unvollendung und doch so plastischen Schönheit. Alle vier Objekte wurden nebeneinander gestellt. Keins glich auch nur annähernd dem Anderen. Die Kinder schlossen sich, wenn auch zögernd, Marlies’ Begeisterung an. Sie hatten sich ursprünglich nicht vorstellen können präzisionslos zu modellieren. Die nun entstandene Faszination über die eigene Fähigkeit, zweidimensionale Zeichnungen mit den Händen und natürlichem Material in dreidimensionale Kunstobjekte zu verwandeln, führte bei den folgenden Figuren immer mehr zu gefühlvollen Fingerfertigkeiten und damit zu außergewöhnlichen Kreationen. Nach einer Stunde bevölkerten vier mal sechs menschliche Körper aus Ton das Mäuerchen rund um den Pavillon. Handgearbeitet. Ohne Werkzeugeinsatz.

 

Bewundernd standen Maju, Cama und Mani vor ihren Werken. Marlies hatte zwischen die Holzbalken, die das Dach des Pavillons stützen, eine Schnur gespannt. Daran befestigte sie mit Wäscheklammern die Zeichnungen der Künstler, so dass man die Tonobjekte mit den eigenen Vorlagen vergleichen konnte.

 

Alle hatten während der Arbeit die Zeit vergessen. Als Mani kundtat, dass er Hunger hatte, bemerkten sie erst, dass sie das Mittagessen total vergessen hatten. Schnell holten sich alle in der Küche einen Teller mit Kartoffelsalat und Frikadellen, um aufgeregt diskutierend in der Künstlerwerkstatt zu essen. Jede einzelne Figur schauten sie sich an, verglichen sie mit der entsprechenden Zeichnung und besprachen jedes Detail.

Es kristallisierte ich heraus, dass die unfertigen Skulpturen den meisten Gesprächsstoff hergaben. Interessant sahen sie aus. Boten Raum für Spekulation und Interpretation.

 

„Guckt mal die hier“, sagte Cama und zeigte auf eine ihrer Figuren. „Das rechte Bein ist mir doch wirklich gut gelungen, aber das linke Bein hat gar keine Form. Es sieht aus wie ein Fass“.

 

„Vielleicht ist der Mensch gerade aus dem Fass gestiegen.............“

„Oder will einsteigen und sich da drin verstecken“, mutmaßten ihre Brüder.

 

Fantasien fanden auch bei anderen Objekten ihren Raum und wurden weiter gesponnen, so dass sich sogar Geschichten um verschiedene Figuren, die in den Gedanken der Kinder miteinander kommunizierten, entwickelten. Der Nachmittag verging wie im Flug.

 

„Für heute ist Feierabend“, sagte Marlies. „Macht euere Arbeitsplätze sauber, dann könnt ihr spielen gehen. Morgen geht’s weiter“.

 

„Wo ist eigentlich Tossi? Die soll mit uns spielen“. Mani schaute Oma fragend an, während er sein Arbeitsbrett im Wassereimer säuberte.

 

„Opa Bernd ist in euerem Garten und arbeitet an dem Gartenhaus. Er hat Tossi mitgenommen. Ich weiß nicht, wann sie zurückkommen“.

 

Anscheinend reichte die Antwort. Mani trocknete sein Brett ab, legte es auf den Tisch und lief durch den Garten zur Schaukel. Cama und Maju diskutierten weiter über die Ergebnisse ihrer künstlerischen Arbeiten.

 

Abends fielen die Kinder todmüde in ihre Betten. Trotzdem wollten sie noch eine Gute-Nacht-Geschichte hören.

„Okay, eine kurze erzähle ich euch noch“. Marlies überlegte und begann.

 

 

Portemonnaie am Bindfaden

 

Meine Freundin Monika wohnte in einem großen, herrschaftlichen Haus, das zur Straße hin mit einem hohen, schmiedeeisernen Zaun abgegrenzt war.

In dem Zaun war ein großes Tor, durch das man gehen musste, um über einen langen Weg zu einer breiten Treppe zu gelangen, die dann zur Haustür führte.

Rechts und links des Weges standen riesige, dunkele Tannen.

Von der Straße aus gesehen, gab es hinter dem Zaun, also rechts und links vom Tor, Sträucher, so dass von draußen niemand auf das Grundstück blicken konnte.

Wenn man jedoch oben auf der Treppe stand, konnte man über die Büsche und durch die Tannen nach draußen auf die Straße blicken.

Ich fand das immer etwas unheimlich, weil es so düster war.

Abends wäre ich nie alleine durch das Tor zum Haus gegangen. Aber tagsüber war es okay, obwohl ich da auch etwas Schiss hatte und immer über den Weg zur Treppe gelaufen bin, anstatt zu gehen.

 

„Wovor hattest du denn Angst?“, fragte Mani schon leicht schläfrig.

 

„Ich weiß nicht. Vor Geistern vielleicht“. Oma schaute ihren Enkel lächelnd an.

 

„Aber du sagst uns doch immer, dass es in Wirklichkeit keine Geister gibt“. Mani hielt Omas Hand fest.

 

„So ist es. Doch in unseren Gedanken schwirren manchmal, wenn wir etwas Angst haben, Geister herum, die es aber in Wirklichkeit gar nicht gibt, sondern eben nur in unseren Gedanken existieren. Wenn man sich dann ganz schnell auf etwas Anderes konzentriert, sind sie wieder verschwunden. Das wisst ihr doch, oder?“

 

Die Kinder nickten. Allerdings wenig überzeugt.

 

„Soll ich weiter erzählen?“

 

„Ja“, kam es einstimmig aus den Betten.

 

„Eines Tages kam Monika mit einem leeren Portemonnaie und einem langen, schwarzen Bindfaden an die Tür, als ich sie zum Spielen abholen wollte.

‚Ein neues Spiel’, sagte sie zu mir. ‚Mein Vetter hat mir das erklärt. Wir müssen den Bindfaden an dem Portemonnaie befestigen. Dann legen wir es mitten auf den Bürgersteig. Der Faden kommt durch den Zaun, hinter die Hecke, wo wir uns verstecken. Wenn dann jemand kommt und das Portemonnaie aufheben will, ziehen wir an dem Faden und derjenige wird ganz schön dumm gucken, wenn er ins Leere greift.’

‚Das ist aber auch spannend und bestimmt super lustig’, fand ich.

Wir setzten uns auf die Treppe, um zu beratschlagen, wie wir vorgehen wollten.

Nachdem der Bindfaden an der Geldbörse befestigt war, suchten wir uns eine Stelle hinter der Hecke aus. Doch man konnte gar nicht durch das Gestrüpp gucken. So ging es nicht. Also holte Monika eine Gartenschere, damit wir ein Guckloch schneiden konnten.

‚Das wächst wieder zu’, sagte sie jovial. Trotzdem passten wir auf, dass uns niemand erwischen würde, denn ich glaubte nicht an ein Einverständnis ihrer Mutter. Zu groß durfte das Loch in der Hecke natürlich nicht sein. Wir mussten durchsehen, aber uns durfte niemand erkennen können. Monika schnitt und ich kontrollierte von draußen. Endlich war es so weit. Das Portemonnaie lag auf dem Bürgerstein; wir hockten hinter dem Gebüsch. Meine Freundin hielt den Bindfaden fest.

 

‚Da kommt deine Mutter aus dem Haus, flüsterte ich.

 

‚Das ist doch eine gute Testperson’, raunte Monika zurück.

 

Mit den Zeigefingern auf unseren Mündern machten wir ihr klar, dass sie nichts sagen durfte. Sie sollte denken, wir spielten Verstecken. Wortlos ging sie durch das Tor, bog rechts ab und blickte erschrocken auf die vor ihr liegende Geldbörse.

‚Wie kommt denn mein Portemonnaie hier hin?’, fragte sie sich erstaunt im Selbstgespräch.

Glucksend vor Lachen stießen wir uns gegenseitig an. In dem Moment, als sie sich bückte, zog Monika am Faden und.... ihre Mutter griff ins Leere. Verduzt schaute sie auf. Wir konnten nicht mehr und grölten los. Jetzt hatte sie erst verstanden, wer hinter dem magischen Portemonnaie steckte und fiel in unser Lachen ein.

‚Ihr seid mir zwei Strolche’, sagte sie im Weitergehen.

Ich flitzte auf den Bürgersteig, legte die Geldbörse wieder griffbereit zurecht und rannte zurück in unser Versteck. Der nächste Kunde war schon im Anmarsch. Ausgerechnet Herr Schmitz, bei dem wir schon oft Klingelmännchen gemacht hatten und der immer mit uns schimpfte. Au weia, dachten wir. Am liebsten hätten wir das Portemonnaie wieder weggenommen. Aber dafür war es zu spät. Mucksmäuschenstill und gespannt guckten Monika und ich durch das Loch in der Hecke. Herr Schmitz stoppte, betrachte knurrend und kopfschüttelnd die Geldbörse, stieß mit der Schuhspitze dagegen, weil er sie wenden wollte und bückte sich, als das nicht klappte, um sie aufzuheben. Wir hielten vor Aufregung die Luft an. Monika zog Genau im richtigen Moment am Faden, aber so fest, dass das Portemonnaie sich im Gebüsch verhedderte. Noch in gebückter Stellung schaute Herr Schmitz der Geldbörse nach, schimpfte und verfluchte die, die ihm das angetan hatten und machte einen Schritt auf die Hecke zu. Uns fiel das Herz in die Hose. Mutig griff ich durch die Sträucher, packte das Portemonnaie, zog es nach drinnen und auf mein Zeichen hin, liefen wir so schnell wir konnten hinter die Garage. Wir beobachteten noch, wie Herr Schmitz das Tor öffnete und hinter die Hecke schaute. Als er niemanden sah, ging er zum Glück fluchend davon. Erst als wir ganz sicher waren, dass er nicht mehr da war, prusteten wir los, aber irgendwie war uns die Lust an dem Spiel vergangen.“

 

„Das müssen wir auch mal machen“, schlug Maju seinen Geschwistern vor. Doch die drehten sich bereits um und kuschelten sich in ihre Bettdecken.

 

Am nächsten Morgen besprach Marlies mit ihren Enkeln beim Frühstück den Ablauf des zweiten Seminartages. Zuerst war wieder Zeichnen angesagt. Allerdings nur drei Bilder nach Modellen auf ein Blatt. Also, größere Figuren würden das werden. Für jede Zeichnung gab es diesmal fünf Minuten Zeit. Deshalb müssten sie sich als Modell Figuren ausdenken, die sie auch ohne zu zappeln so lange aushalten könnten. Danach würde eine größere Ton-Skulptur, für die man eine Stunde Zeit hatte angefertigt werden. Auch wieder aus einem Stück Ton, aber diesmal dürften auch Werkzeuge zum Einsatz gelangen.

 

Maju maß die Zeichenblätter aus. Durch senkrechte Bleistiftstriche entstanden auf jedem Blatt drei Felder.

Einer nach dem Anderen stand, saß oder lag Modell. Fünf Minuten in einer Position auszuharren, stellte sich teilweise als ziemlich schwierig heraus. Deshalb mussten unter Fluchen der Modelle und Lachen der Zeichner öfter Pausen eingelegt werden.

Mani, der unbedingt auf einem Bein stehen wollte, während er das andere nach hinten in die Luft spreizte und die Arme wie Flugzeugflügel ausbreitete, verlor sogar sein Gleichgewicht und kippte vornüber auf den Boden. Während er sich mit den Händen auf der Erde abstützte und das eine Bein immer noch in der Luft schwebte, schaute er die Künstler so verschmitzt an, dass die sich vor Lachen nicht mehr einkriegen konnten.

 

„War das eine gute Bauchlandung?“, fragte er grinsend in die Runde und kugelte sich vor Freude im Gras, ehe er sich hoch rappelte und geschickt seine Modell-Position wieder einnahm.

 

Ein anderer lustiger Zwischenfall wurde durch Tossi ausgelöst. Cama posierte grazil in einer Ballettfigur. Die Hündin kam angelaufen, beschnupperte ihre reglose Spielgefährtin, um sie dann anzuspringen und gemeinsam mit ihr im Gras zu landen. Cama, die krampfhaft versucht hatte, keine Miene zu verziehen, prustete los vor Vergnügen und balgte mit Tossi in der Wiese, was ihre Brüder auch nicht mehr auf den Stühlen hielt.

 

Als alle Modell gestanden und jeder drei Zeichnungen auf seinem Blatt hatte, fand wieder eine Besprechung und Begutachtung statt. Jeder entschied sich für eine Zeichnung, die anschließend in Ton modelliert werden würde.

 

Maju teilte die zweite Hälfte des Tonhubels ohne Schamotte in vier Teile, so dass jeder ungefähr eintausendzweihundertfünfzig Gramm Ton zur Verfügung hatte. Weil er der Stärkste war, wurde er ausgewählt, die vier Blöcke von allen Seiten so lange mit dem Nudelholz zu bearbeiten, bis sie eine Höhe von zwanzig Zentimetern, eine Breite von zehn Zentimetern und eine Tiefe von fünf Zentimetern hatten. Cama war mit dem Zollstock dafür zuständig, dass die Maßvorgaben eingehalten wurden. Mani und Marlies spielten in der Zwischenzeit mit Tossi.

 

„Fertig“, rief Maju. „Wir können weiter machen“.

 

„Das habt ihr aber toll gemacht“. Oma nahm bewundernd den Ton-Block, der auf ihrem Arbeitsbrett lag, in die Hand und betrachtete das exakt geformte Teil von allen Seiten. Stolz sahen sich Cama und Maju an.

 

„Wie beginnen wir denn?“, wollte Mani wissen, der sein Stück Ton befingerte, das viel größer war als seine Hände und deshalb von ihm nicht einfach angefasst und modelliert werden konnte.

Auch die anderen Beiden schauten fragend ihre Oma an.

 

„Jeder nimmt sich jetzt ein Messer und ritzt schon mal die Umrisse der Figur entsprechend seiner ausgewählten Zeichenvorlage in den Ton. Sollten die eingeritzten Proportionen nicht stimmen, geht ihr mit dem Daumen über die Ritze, streicht sie wieder zu und macht eine Neue. Wenn die Markierungen fertig sind, werden die überschüssigen Teile mit dem Messer oder den Fingern entfernt und schon habt ihr eine grobe Form, die dann mit den anderen Werkzeugen modelliert werden kann“.

 

Eifrig begannen die Kids, ihr Material zu bearbeiten Es macht ihnen sichtlich Spaß, dachte Marlies, die von einem zum anderen ging, um Hilfestellung zu leisen.

 

„Mist, jetzt ist der Arm abgebrochen“, schimpfte Cama.

Marlies betrachtete das Malheur.

 

„Okay“, sagte sie lachend. „Für jedes Problem gibt es eine Lösung“.

 

„Wie denn?“

 

„Wir setzen Schlicker an“.

 

„Was ist das denn?“

 

„Eine Masse aus Ton und Wasser. Man nimmt einen Becher, gibt etwas Ton und ein bisschen Wasser hinein und verrührt beides, bis eine cremige Konsistenz entsteht. Diese wird auf beide Bruchstücke geschmiert, die dann zusammen gedrückt werden. Den heraus quellenden Schlicker verstreichst du mit den Fingern und schon sieht man keine Naht mehr. Aus zwei Teilen ist dann wieder ein Ganzes geworden“.

 

Ungläubig rührte Cama Schlicker an. Ihre Brüder schauten interessiert zu. Wie Marlies ihr erklärt hatte, bestrich sie beide Bruchstellen und drückte den Arm wieder an den Körper.

 

„Das ist ja, als ob man etwas mit Kleber festmacht“, stellte Maju erstaunt fest.

 

Und Mani sagte erleichtert: „dann darf bei mir auch ruhig mal was abbrechen“.

 

Stolz hielt Cama die Figur hoch, der keiner mehr ansah, dass sie repariert worden war.

 

Oma hatte ihren Enkeln geraten, zügig zu arbeiten, sich nicht an Details aufzuhalten, da sechzig Minuten schnell vorbei sein würden. Die Kinder hatten verstanden und präsentierten nach einer Stunde Objekte, wie sie schöner nicht sein konnten. Kunstwerke eben. Verfremdet sahen sie aus oder Minimalistisch. Teilweise bizarr oder sogar barock.

 

„So schöne Figuren habe ich aber noch nie gesehen“, kommentierte Mani das Geschaffene.

Seine Geschwister nickten zustimmend und voller Hochachtung vor ihren eigenen Werken.

 

Die nächsten Projekte faszinierten Marlies’ Enkel ebenfalls. Zunächst mussten aus handgroßen Tonkugeln Köpfe ohne Gesichter geformt werden. Danach mit Gesichtern. Anschließend Nasen und Ohren. Durch gegenseitiges Angucken wurde jeder Teilnehmer zum Modell. Ein Zeitlimit gab es nicht. Erst nach zehn Tagen waren die Detailarbeiten abgeschlossen. Auf dem Mäuerchen des Pavillons lagen jetzt neben den Körpern Nasen in allen Größen, die man sich vorstellen konnte. Ebenso dicke und dünne Finger mit langen oder kurzen Fingernägeln. Breite und schmale Ohren, die interessante Muschelverläufe und Öffnungen aufwiesen. Schöne Kopfformen waren zu sehen. Und natürlich die Köpfe mit Gesichtern. Ausdrucksvoll schauten sie in den Raum. Manche lachten, andere sahen denkend oder traurig aus. Wieder andere hatten geschlossene Augenlider und wirkten entspannt, schlafend. Es war ein Genuss, die Kunstwerke der Kids zu betrachten.

 

In der zweiten Seminarhälfte wurden größere Figuren im Ton-Aufbauverfahren geschaffen. Jeder bekam einen

10-kg-Ton-Hubel, der zu einem klobigen, dicken Torso verarbeitet werden musste. Da sie keine entsprechenden Modelle hatten, wurde in Büchern aus Marlies’ Kunstbibliothek so lange gestöbert, bis jeder sein Idol gefunden hatte.

Cama entschied sich für einen weiblichen Torso, dem sie große Brüste, ausladende Hüften und dicke Pobacken verpassen wollte.

Das interessierte die Jungen überhaupt nicht. Männliche Torsos mit breiten Schultern oder dicken Bäuchen favorisierten sie. Und natürlich durfte der Penis nicht fehlen.

 

Für diese Großprojekte standen drehbare Arbeitsunterlagen zur Verfügung, da sonst solche Arbeiten gar nicht möglich gewesen wären. Stück für Stück wurden die Tonfiguren aufgebaut. Durch die Drehgestelle konnte gleichmäßig ringsherum gearbeitet werden und doch war es eine schwierige Aufgabe für die Kinder. Anfangs kam etwas Ungeduld auf, weil zuerst die Beinansätze gemacht werden mussten, was sich als ziemlich kompliziert herausstellte, obwohl es doch so einfach aussah.

Immer wieder war Omas Rat gefragt, so dass sie fortwährend von einem zum anderen ging, um Anregungen zu geben oder zu helfen. Insgesamt brauchten ihre Enkel drei Tage für die zehntausend Gramm Torsos.

Abends wurden die fertiggestellten Teile leicht mit Wasser eingesprüht und mit Folie abgedeckt, damit sie nicht trockneten. So konnte dann am nächsten Tag problemlos weiter gearbeitet werden.

Am Ende des dritten Tages war es endlich so weit. Cama, Maju und Mani blickten stolz auf die mit ihren eigenen Händen geschaffenen, schweren Körper aus Ton, die sie selber nicht mehr heben konnten. Doch die Drehscheiben machten es möglich, die Figuren von allen Seiten zu begutachten.

 

„Guckt mal hier, die Bauchfalte“, erklärte Cama, „die gefällt mir besonders gut. Mit dem abgerundeten Modellierholz habe ich die so toll hinbekommen“.

 

„Und ich habe die Rippen zuerst angeritzt und dann bin ich mit dem Zeigefinger drüber gegangen, so dass man jetzt jede einzelne Rippe sehen kann“. Maju zeigte ausladend auf beide Hälften des Brustkorbes seines Torsos.

 

„Und ich“, sagte Mani, „habe die schönsten Schultern von euch allen gemacht. Das fand ich auch am einfachsten, weil die Rundungen Genau in meine Hände passen“. Zur Demonstration legte er seine Hände auf die Schultern des Ton-Objektes. „Seht ihr, so konnte ich dann auf beiden Seiten die Schultern formen“.

 

Als Bernd abends die Ergebnisse der tagelangen Ton-Aufbauarbeiten betrachtete, war er ebenso begeistert wie Marlies und meinte, dass Kinder schneller lernen würden und bei weitem viel aufnahmefähiger seien als Erwachsene, weil sonst solche erstaunlich guten Ergebnisse nicht zu Stande kommen könnten. Dieser Aussage konnte sich Marlies nur anschließen.

 

Da die Kinder an den Wochenenden nicht gekommen waren, blieben nur noch zwei Tage bis zum Ende des Seminars. Oma hatte sich für diese letzten beiden Tage etwas ganz außergewöhnliches einfallen lassen. Zwei Ton-Hubel standen noch zur Verfügung.

 

„Wir werden gemeinsam einen großen Körper machen“, sagte sie, als ihre Enkel eintrafen. „Schaut hier. Ich habe für jeden eine Schablone angefertigt“.

 

Jeder bekam ein Stück Pappdeckel, das in seiner Form undefinierbar war.

 

„Was soll das denn sein?“ Verwundert betrachtete Maju das Teil.

 

Cama drehte und wendete ihre Pappe, konnte aber auch nichts damit anfangen.

 

„Bei mir steht eine Zahl“, verkündete Mani und unten und oben ist ein Kreuz“.

 

Nun entdeckten seine Geschwister auf ihren Pappstücken auch eine Zahl und zwei kleine Kreuzchen. Fragend sahen sie ihre Oma an, die ihnen verschmitzt lächelnd zuschaute.

 

„Legt die Teile mal wie ein Puzzle zusammen“.

 

„Ach, jetzt verstehe ich“, sagte Maju, der eine ‚Eins’ auf seiner Schablone hatte. „Guckt mal. Eins, zwei, drei, vier und da, wo die Kreuze sind, werden die Teile aneinander gelegt“.

 

„Das ist richtig“, bestätigte Marlies. „Jeder modelliert heute ein Stück Ton nach seiner Vorlage. Und zwar dick oder dünn nach eueren eigenen Vorstellungen. Nur die Umrisse der Schablone dürfen nicht überschritten werden. Das geht, wenn man die Schablone immer wieder an das Objekt hält. Morgen setzen wir dann die vier Teile zu einem Ganzen zusammen. Dabei wird sich unter Garantie ein super interessanter Körper ergeben. Habt ihr das verstanden?“

 

Die Drei nickten zustimmend. Die zwei Ton-Hubel wurden von Maju fachgerecht in vier Blöcke geschnitten und verteilt. Abends waren schablonengerecht vier unterschiedlich dicke Körperteile entstanden.

 

„Wie sollen die denn zusammen gefügt werden?“, wollte Cama zweifelnd wissen.

 

„Mit einer Technik, die ich euch morgen zeige“, antwortete Oma. „Übertragt bitte noch die Zahlen und Kreuze von den Vorlagen auf die Objekte, besprüht sie mit Wasser und legt Folie darüber. Morgen geht’s dann weiter.

 

„Schade, dass heute unser letzter Tag ist“, sagte Cama, als die Kids am nächsten Tag kamen. „Mir macht das so viel Spaß. Ich könnte immer weiter mit Ton arbeiten“.

 

Als die Folie entfernt war, begann das Zusammenfügen der einzelnen Teile. Schlicker wurde angerührt. Nicht zu dünn durfte er sein. Die Seiten, die miteinander verbunden werden sollten, mussten kreuz und quer eingeritzt, mit Schlicker bestrichen und dann zusammengedrückt werden. Das geschah zuerst mit den Stücken eins und zwei. Geschickt nahm Cama, die ja schon Erfahrung im Zusammenfügen mit Tonteilen hatte, die herausquellende Schlickermasse mit den Fingern und unter zur Hilfenahme eines Modellierholzes ab. Die Anderen schauten gespannt zu.

 

Als sie fertig war, prustete Maju los: „Das sieht aber komisch aus. Die eine Hälfte ist doch viel dicker als die andere. Soll das so bleiben?“

 

„Nein“, sagte Oma. „Wer hat das dicke Stück gemacht?“

 

„Ich“, antwortete Cama.

 

„Okay. Dann bist du jetzt für die Anpassung zuständig“.

 

„Au weia, wie soll ich das denn machen?“

 

„Ganz einfach. Du nimmst hier diese kleine Spachtel und ziehst damit sanft den Ton von der dicken zu der dünnen Seite“.

 

Marlies machte es vor und Cama vollführte mit viel Gefühl und Geschick diese Arbeit. Es entstand eine harmonische Verbindung zwischen den beiden unterschiedlichen Teilen.

Mani, der sehr gut aufgepasst hatte, ritzte die Oberseite vom ersten und die Unterseite von seinem dritten Stück ein, beschmierte beide Teile mit Schlicker, setzte sie aufeinander und passte sie mit einem Modellierholz an. Den überschüssigen Schlicker wischte er einfach mit den Händen ab.

Jetzt war Maju mit der Vollendung der Plastik dran. Vier Seiten musste er ritzen und schlickern. Bevor die Zusammensetzung kam, hielt er das Teil hoch und verkündete theatralisch ein abgewandeltes Bibelzitat: „Es werde ein Körper“, fügte das vierte Stück an: „und es ward ein Körper“, vollendete er den Satz.

 

Alle klatschten und jubelten vor Begeisterung.

 

„Kinder, wir haben einen einzigartigen Körper geschaffen“, sagte Marlies mit bewegter Stimme.

 

„Und er sieht so interessant aus“.

 

Cama und ihre Brüder betrachteten die Plastik von allen Seiten.

Man konnte sehen, dass Maju überlegte. Dann sagte er: „ Abstrakt. Ich glaube, sie sieht abstrakt aus“.

 

„Was heißt denn abstrakt?“, wollte Mani wissen.

 

„Das heißt unwirklich. Aber trotzdem kann man erkennen, dass es ein Körper ist“, erklärte Maju seinem kleinen Bruder.

 

„Ja, das stimmt“, bestätigte Cama. „Oma hat doch den Baobab gemacht, den afrikanischen Baum, der bei uns im Garten steht. Da hat sie auch gesagt, ‚der ist abstrakt’. Oder bei den Marmorköpfen mit den großen Augen“.

 

„Ach sooo“. Mani nickte verständnisvoll. „Wir haben im Kindergarten mal eine Maus gebastelt. Die sah auch unwirklich aus. Die hatte nämlich viel zu lange Beine. War die dann auch abstrakt?“

 

Marlies musste lachen. „Wenn die mehr wie ein Pferd aussah, dann würde ich eher sagen, dass es eine misslungene und keine abstrakte Maus war“.

 

Verduzt schaute Mani in die Runde.

 

„Ist egal“, sagte Cama, nahm ihn an die Hand und beide liefen durch den Garten zur Schaukel.

 

Maju und Marlies gingen hinterher.

 

„Wie geht das eigentlich weiter mit den Tonfiguren?“

 

„Wahrscheinlich stelle ich sie zum Trocknen in den Heizungskeller. Wenn ihr von euerer Ferienreise zurück seid, werden wir die kleinen schon brennen können. Die großen brauchen bestimmt vier bis sechs Wochen, bis sie trocken sind. Weißt du, Ton muss nämlich absolut ausgetrocknet sein, sonst zerspringt er beim Brennvorgang“.

 

„Warum?“

 

„Weil er mit eintausend Grad gebrannt wird. Wenn noch Feuchtigkeit in den Plastiken wäre, würde die so heiß werden, dass der Ton explodiert“.

 

„Und dann wären unsere schönen Kunstwerke kaputt“.

 

„Genau“.

 

Mani, der bereits in schwindelnder Höhe schaukelte, rief: „Oma, erzähl uns bitte noch eine Geschichte“.

 

„Ja, Oma, eine Reisegeschichte“, schloss sich seine Schwester an.

 

„Okay“, sagte Marlies. „Wer holt den Globus?“

 

„Ich“. Cama flitzte durch den Garten zum Haus und kam mit der Weltkugel zurück. Alle setzten sich auf die, in der Nähe der Schaukel liegenden, Findlinge. Große, dicke von der Sonne aufgewärmte Steine, und Marlies begann:

 

 

Der Wassermann

 

„Als euer Papa sieben Jahre alt war, sind wir mit unserem VW-Bus nach Marokko gereist“.

 

„Wo ist Marokko?“ Mani nahm seiner Schwester den Globus ab und hielt ihn Oma hin.

 

„In Afrika“, antwortete sein großer Bruder.

 

„Schaut, hier ist Deutschland. Über Belgien, Frankreich sind wir nach Südspanien gefahren“. Oma zeigte die Strecke in dem sie mit dem Finger über den Globus fuhr.

 

„Da ist ja das Meer“, stellte Mani fest. „Seid ihr wieder mit dem Auto auf ein Schiff gefahren?“

 

„Genau. Das Schiff hat uns dann nach Marokko in Afrika gebracht. Dort sahen die Menschen plötzlich ganz anders aus. Die Männer hatten lange Gewänder an und kleine Hüte auf dem Kopf. Die Frauen trugen Kopftücher mit denen sie ihr Gesicht verdeckten.

Eines Tages kamen wir in eine Stadt, in der buntes Treiben herrschte. Auf dem Marktplatz wurde alles angeboten, was man sich denken kann. Obst und Gemüse. Bunte Gewürze. Lebende und geschlachtete Tiere. Getränke, die so farbenfroh waren, wie wir sie noch nie gesehen hatten.

Die Luft war voll von vielfältigen, betörenden Gerüchen. Gaukler gab es dort und Schlangenbeschwörer. Überall ertönte orientalische Musik.

Als wir in gebührendem Abstand einem Mann zusahen, der es schaffte, mit Flötentönen seine Schlange tanzen zu lassen, trat plötzlich ein dunkelhäutiger, großer Mann zu uns. Er hatte einen schwarz-roten, langen Umhang an, ein buntes Käppi auf dem Kopf und nur drei Zähne im Mund. Auf dem Rücken trug er einen schweren Behälter, an dem ein Schlauch befestigt war, dessen Ende er in der Hand hielt. Der Mann bückte sich hinunter zu Markus und sprach ihn, in für uns unverständlicher Sprache, an. Seine drei Zähne bewegten sich rauf und runter. Er sah zum Fürchten aus. Das fand Markus auch. Er begann zu weinen und versteckte sich hinter seinem Papa. Der gestikulierte mit dem Mann, um heraus zu bekommen, was er wollte. Plötzlich zog er ein Glas aus seinem Umhang, ließ durch den Schlauch Wasser hineinlaufen und machte uns klar, dass er Trinkwasser zu verkaufen hatte.

Es war der Wassermann.

Markus klammerte sich ängstlich an seinen Vater. Tränen liefen über sein Gesicht, obwohl er die Augen fest geschlossen hielt, um den Wassermann nicht zu sehen. Der beugte sich nach vorne, nahm Markus’ Hand von Bernds Hüfte und wollte das Wasserglas hinein tun. Markus schrie mit vor Schreck und Angst weit aufgerissenen Augen auf. Der Wassermann lächelte ihn, mit seinen drei Zähnen schaurig aussehend, an. Ich packte die Gelegenheit beim Schopfe, nahm die Hand meines Sohnes und zog ihn weg. Schnell waren wir in der Menschenmenge verschwunden.

Opa folgte uns, nachdem er dem Wassermann ein Geldstück gegeben hatte, ohne von dem Wasser zu trinken.

Wir schlenderten über den interessanten Markt. Rochen an Gewürzen und Kräutern. Betrachteten die wunderschönen, bunten Stoffe und ließen Halbedelsteine, die in den Bergen von Marokko vorkommen, durch unsere Finger gleiten.

 

Als wir am Ende des Marktes angekommen waren und gerade in das Café auf einer Dachterrasse gehen wollten, um eine eisgekühlte Cola zu trinken, stand plötzlich wieder der Wassermann grinsend und seine drei Zähne enthüllend vor uns. Markus bekam so einen Schreck, dass er schreiend davon lief. Wenn wir nicht sofort hinterher gerannt wären, hätte ihn das bunte Treiben auf dem Markt verschluckt. Als wir ihn eingeholt und beruhigt hatten, war er für nichts auf der Welt bereit, mit uns in das Café zu gehen. Wir verließen die Stadt und haben den Wassermann nicht mehr wieder gesehen“.

 

Wie immer, wenn Oma eine Geschichte erzählt hatte, unterhielten sich ihre Enkel über den Inhalt. Sie diskutierten darüber, wer von ihnen der Furchtloseste sei und Einer nach dem Anderen wurde zum noch größeren Held. Die Helden verschwanden in der Weite des Gartens, um das Gehörte mit Ihren eigenen Fantasien facettenreich nachzuspielen.

 

Marlies beobachtete sie eine Weile schmunzelnd. Ihr gefiel, dass die Kinder sich für alles interessierten und, egal, was sie machten, immer vollkommen konzentriert bei der Sache waren. Morgen würden sie ihre Ferienreise beginnen und auch diesmal würde Oma ihre Enkel die nächsten beiden Wochen sehr vermissen.